Gent - Folke­stone

Wie versprochen hatte der Vermieter pünktlich um 8:30 Uhr das Frühstück in einem Picknickkoffer vor meiner Kajütentür deponiert. Es hätte wohl für drei Personen gereicht: Salami, Käse, reichlich belgische Weichteile (aka Brötchen), Croissants, Äpfel, Saft, süße Brotaufstriche, ein Ei,  … Dazu gab’s Kapselkaffee, der nur einigermaßen schmeckt, wenn er richtig heiß ist. Abgekühlt ist er ungenießbar. Hab ich probiert.

Ordentlich gesättigt fuhr ich dann gegen 9:30 Uhr auf die Autobahn in Richtung Calais. Jaja, schon wieder Autobahn. Nach den gestrigen Erlebnissen eigentlich nicht erwartbar. Aber ich wollte pünktlich am Fährterminal ankommen, und über die Landstraße hätte ich mal wieder mindestens doppelt so lange gebraucht. Spoiler-Alert: Hätte ich durchaus machen können, wie sich später herausstellen sollte.

Heute hatte ich mir allerdings eine andere Taktik zurechtgelegt: Gemütlich mit 90 bis 95 km/h hinter einem Laster oder einer Würstchenbude (aka Wohnmobil/Wohnwagen) herzufahren war wesentlich entspannender als der gestrige Ritt. Und die eineinhalb Stunden bei sonnigem Wetter waren durchaus auszuhalten.

Durch die zahlreichen Kontrollen wegen Schängenaußengrenze (ich erinnere an mein Erlebnis an der französisch-schweizerischen Grenze) gelangte ich schließlich zur Lane 207, wo ich mich ganz vorn postieren konnte. Nach und nach füllten sich die daneben liegenden Spuren mit Tiefladern, PKWs usw., was der kargen Romantik des Fährhafens aber nicht abträglich war. Auch ein Reisebus voller ordentlich betüdelter Karnevalisten aus Dortmund machte dort halt, die Fahrgäste strömten johlend aus dem Bus auf den Parkplatz und sorgten für reichlich ungefragte Animation.

Die Wartezeit zog sich, und so langsam begriff ich, dass die Abfahrtszeit eine Stunde später, nämlich nach UK-Time angegeben war. Die Anfahrt ohne Autobahn hätte also doch locker gereicht. Irgendwann wurde ich dann aber dazu aufgefordert, auf die Fähre zu fahren. Motorrad ordentlich geparkt und befestigt – und ich begab mich direkt nach oben auf ein seitliches Außendeck. Die Ruhe dort währte nicht lange, denn die Dortmunder fielen ein und machten sich auf den Bänken breit. Nach der Abfahrt aus Calais flüchtete ich in die Cafeteria und gönnte mir einen kleinen Mittagssnack und 'ne Cola. Aber auch dort vertrieben mich die Karnevalisten bald, und so landete ich schließlich weit weg von ihnen ganz oben auf dem Sonnendeck.

In Dover gelandet durfte ich nach vielen LKWs endlich rausfahren, schlängelte mich an ihnen entlang, bis – oh Schreck - der Motor meiner Maschine abstarb und sich ein Schwall Benzin über ihn ergoss. Nicht auszudenken, wenn mir das unterwegs während eines Überholvorgangs passiert wäre! Glücklicherweise war ich sehr langsam gefahren und konnte das Motorrad auf einer naheliegenden Sperrfläche zum Stehen bringen. Was war los? Es stank nach Benzin und ein neuerlicher Startversuch führte nur dazu, dass noch mehr Benzin über den Motor gespuckt wurde. Ich begab mich also auf die Fehlersuche. Wiederum glücklicherweise hatte ich mehr als nur das serienmäßige Bordwerkzeug dabei und konnte den Schaden beheben: Gepäck runter, Gepäckträger abschrauben, Fahrersitz entfernen und die hintere Tankbestigung lösen. Der Verbindungsschlauch zwischen Tank und Benzinpumpe hing lose dort herum. Ich konnte ihn auf den Stutzen, der aus dem Tank kommt, wieder draufschieben und mit dem Klickmechanismus einrasten und somit richtig befestigen. Anschließend Tank wieder angeschraubt, Fahrersitz und Gepäckträger montiert – nach einer knappen Stunde (inklusive Fehlersuche) konnte es weitergehen.

Keine Lust mehr, Dover und die Gegend zu erkunden. Vielmehr machte ich mich auf den Weg zu meinem Hotel in Folkestone, über kleine Straßen und durch niedliche Küstenstädtchen. Das hat nicht lange gedauert – und die Dusche im Hotel war hoch willkommen. Das lokale Lagerbier noch viel mehr; das hatte ich mir verdient. Und wiederum glücklicherweise hatte ich den Aufpreis für ein Zimmer mit Meerblick gescheut, denn das Hotel ist wegen Renovierungsarbeiten komplett eingerüstet. Dafür gibt’s in meinem Zimmer einen tollen Arbeitsplatz mit hochmoderner Telefonzentrale.

Fazit des Tages: Dreimal „glücklicherweise“! Hoffentlich habe ich damit mein Kontingent nicht schon aufgebraucht. Autobahn gemütlich geht unerwarteterweise doch, man muss nur den richtigen Vibe haben. Schreckmomente wie der beschriebene bleiben hoffentlich zukünftig aus, auch wenn ich die Weiterfahrt morgen nicht mit wirklich ruhigem Gewissen antrete. Aber schön ist’s hier.

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