Beuil - Peillon
Im Frühtau zu Berge … hatte ich mir heute morgen vorgenommen, nachdem ich zeitig von anderen Gästen geweckt worden war. Denn da könnte ich doch auf meiner Strecke bis nach Peillon schon heute anstatt morgen nach Menton zum Endpunkt der „Grande Route des Alpes“ zu fahren. Früh losgefahren – da macht der Umweg keine entscheidenden Unterschied, dachte ich mir. Ein Blick in die Informationsproschüre des Hotels verriet mir jedoch: Frühstück erst ab acht. Da wollte ich ja eigentlich schon unterwegs sein. Nun gut, dann packe ich eben meine Sachen vorher und belade schon so weit es geht das Motorrad. Gegen halb acht war auch das erledigt. Hm, was nun? Noch eine halbe Stunde Zeit. Ich begab mich einfach mal auf Verdacht, so wie der deutsche Rentner das im Urlaub halt so macht, in den Frühstücksraum. Die freundliche Dame vom Vorabend war gerade dabei, alles herzurichten, und erlaubte mir, schon Platz zu nehmen und mit dem Frühstück zu beginnen. Na also, geht doch!
Um kurz nach acht Uhr saß ich also in der Frische des Morgens und seiner grellen Sonne auf dem Motorrad und strebte dem ersten Pass zu. Nun waren es zum Col de la Couillole nur etwa sieben Kilometer weit zu fahren, ein Katzensprung sozusagen. Der frühen Stunde entsprechend war dort oben auch noch nicht viel los, und nach zwei Fotos ging es auch schon weiter.
Die lokale Rush-Hour hatte mich jetzt voll erwischt. Geschlagene drei Autos und ein Schneepflug kamen mir entgegen. So viel Verkehr war ich in dieser Gegend gar nicht mehr gewöhnt. Schrecklich.
Durch sattgrüne Wälder, Täler und Schluchten fuhr ich eine gute Stunden zum nächsten Haltepunkt, dem Col Saint-Martin. Auch hier noch nichts los, aber ein Kaffeepäuschen war eingeplant. Bevor ich auf den Parkplatz rollen konnte wollte ich allerdings eine Fahrschülerin passieren lassen, die beim Überqueren der Straße den Motor des Autos gleich viermal hoppelnd abwürgte und mitten auf der Fahrbahn stehen blieb. Sie schien den Tränen nah. Also nahm ich einfach ein bisschen Druck aus der Situation, wartete nicht länger und kürzte nach links ausweichend ab. Direkt neben der Einfahrt zu dem für diese Jahreszeit reichlich überdimensionierten Parkplatz stellte ich mein Motorrad ab, und siehe da: Das Fahrzeug mit der Fahrschülerin rollte langsam an mir vorbei, um dann anschließend seine Kreise zu ziehen und Slalom um die wenigen geparkten Autos zu üben. Zwei Daumen hoch nötigten ihr ein leicht gequältes Lächeln ab.
Ein Bistro in der langen Reihe der Gastronomiebetriebe im Erdgeschoss des lokalen Betonklotzes hatte sogar schon geöffnet, mein Café kam und ich saß in der Morgensonne, zufrieden mit der Welt, vor allen Dingen aber mit dem Wetter. Als ich später von der Toilette kam wünschte ich der Servicekraft noch einen schönen Tag, woraufhin sie mich daran erinnerte, dass ich meinen Café ja noch gar nicht bezahlt hätte. Peinlich, peinlich.
Der Col de Turini machte seinem Namen alle Ehre: Es waren fast ausschließlich italienische Motorradfahrer dort oben. Die Stunde Fahrzeit hierher hatte ich genossen, obgleich die Straßen immer enger, der Straßenbelag immer schlechter und die Kurven immer zahlreicher geworden waren, je näher ich der Passhöhe gekommen war. Die letzten zehn Kilometer fuhr ich nur noch im zweiten Gang mit 20 bis 35 km/h. Mehr war nicht drin.
Zunächst spazierte ich ein bisschen auf der Passhöhe herum, machte das eine oder andere Foto; endlich hatte ich sogar eines mit dem Schild „Route des Grandes Alpes“ erwischt, die ich sonst nur im Vorbeifahren am Straßenrand gesehen hatte. Im Vorgarten von „Le Ranch“, dem einzigen geöffneten Lokal, saß ich im Schatten (jaja, den suchte ich mittlerweile) und machte schon wieder eine Kaffeepause.
Von den Höhen weit über tausend Meter ging es nun hinunter in wärmere Gefilde. Einige der Lüftungsschlitze meiner Motorradjacke hatte ich mittlerweile schon geöffnet, sodass das bisschen Fahrtwind ein wenig kühlen konnte. Richtig Strecke machen war immer noch nicht: Auf eine Serpentine folgte die nächste, 50 km/h waren selten drin. Und anstrengend war das natürlich auch, weil ich ständig lenken, bremsen, kuppeln und schalten musste. Das war ja schon seit meiner Abfahrt im Hotel heute morgen so, langsam spürte ich es auch in den Händen und Handgelenken (ooch), deshalb die vielen Pausen. Außerdem hatte ich ja Zeit.
Der Col de Castillon war nun der letzte Pass auf meiner Tour über die Route des Grandes Alpes, mit gerade mal 706 Metern Höhe „voll mickrig, ey!“ (siehe Toyahs Zitat auf der Schottlandreise), aber er wollte halt auch noch genommen werden. Ich war schon an dem Schild vorbeigefahren, weil ich dachte, da kommt noch was. War aber nicht. Also demi tour, etwas wild am Straßenrand geparkt und schnell zwei Fotos gemacht.
Das Islandtief mit seinen Ausläufern, das mich die erste Woche meiner Reise immer wieder mit Kälte und Regen geärgert hatte, lag nun endgültig hinter mir und das Hoch über den Balearen heizte mir schon kräftig ein. Bereits oben auf dem Col de Castillon war es schon warm gewesen, je weiter ich hinunter in Richtung Menton fuhr stieg die Temperatur aber merklich. Und dann sah ich es auch schon: das Mittelmeer. Hinein also in das touristische Gewimmel der Küstenstadt.
Den offiziellen Start- und Zielpunkt hier in Menton wollte ich selbstredend auch gesehen und fotografiert haben. Durch enge Gassen, Kreisverkehre usw. kämpfte ich mich bis zur Uferpromenade, wo das Ding angeblich zu finden sein sollte. Zuerst einmal fuhr ich aber daran vorbei, ohne es zu sehen. Also wieder demi tour im folgenden Kreisverkehr und dann einfach in eine gesperrte Straße reingefahren, wo ich vor einem Müllwagen parkte, die letzten 300 Meter zu Fuß ging (in voller Montur bei der Hitze, wohlgemerkt), um dann endlich das ein bisschen stiefmütterlich angebrachte Bronzerondell fotografieren zu können.
Yippieyayeeh, Schweinebacke (Ghettofaust mit mir selbst)! Die gesamte etwa 700 Kilometer lange Strecke hatte ich geschafft, alle 21 Pässe überquert und wie schon auf meiner Alptenour 2018 unzählige Kurven hinter mich gebracht.
Da sollte ich die noch verbleibenden 35 Kilometer bis zu meiner Unterkunft ja wohl auf einer Backe absitzen. Sollte! Aus Menton raus, wieder hinauf ins umliegende Gebirge und über Sträßchen, die den schottischen Single-Track-Roads wirklich in gar nichts nachstanden, holperte ich mehr als ich fuhr bergauf und bergab. Eine gute Stunde hat das nochmal gedauert, und eine Durchschnittsgeschwindigkeit errechne ich erst gar nicht, weil man auch in diesem Fall nicht wirklich von Geschwindigkeit reden kann.
Peillon ist ein sehr lauschiges Örtchen im Hinterland von Nizza. Das lokale Bier zum Apéro hat sehr gut geschmeckt. Auf der Karte und nach den Erklärungen des Bedienten klang mein Abendessen verheißungsvoll. Vorspeise Focaccia mit (leckeren und frischem) Salat, Hauptspeise Joux de Boeuf avec Penne aux Truffes. Das Essen war so lala, aber der rote Biowein aus der Provence für 58 Euro die halbe Flasche war sehr ordentlich. Immerhin.
Fazit des Tages: Heute bin ich genau eine Woche unterwegs, und wie schon auf früheren Reisen liegen die vergangenen Tage und die mit ihnen verbundenen Erlebnisse und Eindrücke weit, weit weg im Gedächtnis, so als ob sie schon Wochen her wären. Obwohl längst nicht mehr so hoch hat’s mir die Route des Grandes Alpes auf diesem letzten Abschnitt nochmal so richtig gezeigt. Ein paar Schneepflüge unterwegs kletterten schon aus den Tälern nach oben. In Menton war höchste Aufmerksamkeit gefordert, um nicht von einem der vielen Motorroller abgeschossen oder einem der vielen Touristen zu einer Notbremsung gezwungen zu werden (ist mir einmal passiert).