Inshegra - Garve
Der Kuckuck rief wieder, der Wind blies und die Sonne schien. Ein perfekter Tag kündigte sich an, der allerdings anstrengender werden sollte, als ursprünglich gedacht.
Erstmal ging es zur Tankstelle in Kinlochbervie, die über eine einzige Zapfsäule verfügt (Diesel und Unleaded), aber nicht mehr von Hand bedient wird. Self Service war angesagt, und die Dame an der Kasse hatte sogar elektronisch meine gezapfte Benzinmenge erfasst. Sodann fuhr ich über kleine kurvige Straßen, teils am Meer entlang, über die Kylesku Bridge in Richtung Drumbeg.
Kurz hinter der Brücke kam ich zu meinem ersten längeren Halte- und Besichtigungspunkt: dem Wailing Widow Waterfall. Angeblich der höchste Wasserfall in UK. Nun ja, Übertreibung macht anschaulich, insbesondere im (Tourismus-) Marketing. Toyah hätte hier wie beim Anblick des Berliner Bären vor vielen Jahren sicher wieder ausgerufen: „Der ist ja voll winzig, ey!“ Der Fußweg vom Parkplatz am Straßenrand bis zum Wasserfall sollte angeblich nur fünf Minuten dauern. Über den halsbrecherischen Pfad dauerte es allerdings mehr als dreimal so lang. Zum Glück sind meine Motorradstiefel nicht nur wander-, sondern auch einigermaßen klettertauglich, und im Gegensatz zu einigen Touristen in Stoffschläppchen war ich relativ sicher unterwegs. Trotzdem fragte ich mich zwischendurch, warum ich mir das antue, denn es gab schon den einen oder anderen kritischen Moment, in dem ich mir ausrutschend alles mögliche hätte brechen können. Ist ja nochmal gut gegangen, und das Ziel war die Anstrengung wert.
Ein Stückchen nach dem Wasserfall musste ich eine winzige Abfahrt verpasst haben, wie mir später aufging. Ich fuhr nämlich einen großen Bogen über Single Track Roads mit zahlreichen uneinsehbaren Kurven und viel Gegenverkehr, allerdings sehr schöner und abwechslungsreicher Landschaft bis nach Drumbeg. Dortselbst gab es einen Viewpoint mit herrlichem Blick über die Bucht. In der Ferne war sogar ein Schiff zu entdecken, das wohl den Hafen von Lochinver ansteuerte.
Danach fuhr ich zunächst kurz in die falsche Richtung weiter, bis ich realisiert hatte, dass ich den ganzen Weg wieder zurückfahren musste. Wie gesagt: Abfahrt verpasst.
Wie auf der Herfahrt kam ich in Clashnessie und Achmelvich vorbei. Die Falls bei Clashnessie waren wieder nur per längerem Fußmarsch über einen zu allem Überfluss noch abgesperrten Weg zu erreichen, und einen Parkplatz gab es auch nicht. Also ließ ich sie im wahrsten Wortsinne links liegen. Den Achmelvich Beach gab ich mir schon noch, aber da war so viel Betrieb mit Campern, rollenden Würstchenbuden und Wanderern, dass ich praktisch ohne Halt umdrehte, um dieser Idylle zu entfliehen.
Nun war ich schon über drei Stunden unterwegs (jaja, die Single Track Roads fordern ihren Tribut), sodass das eine oder andere menschliche Bedürfnis nach einem längeren Stopp verlangte. Glücklicherweise war es nicht mehr weit bis nach Lochinver und dem Lochinver Larder, dessen Pies über die Maßen gehypt werden. Also verspätete Mittagspause. Dem Glück des wohlverdienten Cappucinos und Pie hatte der Herr aber die lange Warteschlange vorangestellt. Bis ich meine Bestellung (Order Number 94) aufgeben konnte, dauerte es eine gute Viertelstunde. Bis sie kam auch nochmal knappe zehn. Ich hatte nicht anders gekonnt und einen Pie mit Haggis, Neeps & Tatties bestellt. Letztere sind grob gesagt ein Pürree aus Kartoffeln und Steckrüben und eines der schottischen Nationalgerichte. Haggis sowieso. Die Kombi schmeckte erstaunlich vielfältig, mit Aromen von gegrilltem Rinderhack im Palais, handgepflücktem schwarzen Pfeffer in der Nase und luftgetrockneter Blutwurst im Abgang.
Dermaßen gestärkt machte ich mich wieder auf die Piste in Richtung Ardvreck Castle. Abwrack Castle wäre wohl die richtige deutsche Bezeichnung dafür, denn auch hier wie in den allermeisten vorangegangenen Fällen gab es nur noch den Schimmer einstiger Größe zu bewundern. Ein bisschen wie der Zahn der Zeit sieht es schon aus.
Nun aber flugs meinem heutigen Tagesziel entgegengestrebt, dem Aultguish Inn in Garve, etwa 30 Kilometer hinter Ullapool, wo morgen meine Fähre nach Stornoway abfährt. Eigentlich hatte ich ja in Ullapool direkt ein Hotelzimmer gebucht, das das Etablissement aber wenige Wochen vor meiner Abreise aus unerfindlichen Gründen stornierte. Da musste ich dann nehmen, was noch zu finden und bezahlbar war.
Auf dem Weg dorthin gab es noch eine ziemlich kritische Situation. Die letzten Kilometer war die Straße nämlich verhältnismäßig gut ausgebaut und ich konnte es laufen lassen. Wie sollte es anders sein: Hinter einer uneinsehbaren Linkskurve versteckte sich eine Abzweigung, die auch viele der mir Vorausfahrenden nehmen wollten. Was soll ich sagen? –Bremsen und ABS an meinem Motorrad funktionieren einwandfrei.
Fazit des Tages: Der erste, größere Teil des Tages war wegen der Straßen- und Verkehrsverhältnisse ziemlich anstrengend. Kein Vergleich zu gestern. Nach dem Mittagessen ging es dann etwas leichter. Auf mein Motorrad kann ich mich verlassen; die Bremsanlage funktioniert, der Motor schnurrt. Lediglich der linke hintere Stoßdämpfer (ein Teil, das ich nachgerüstet habe) leckt und verliert etwas Dämpferöl. Habe schon mit dem Hersteller Kontakt aufgenommen und werde beide Stoßdämpfer (die sind werksseitig gematcht) nach meiner Rückkehr zwecks Ersatz einschicken müssen. Schade, denn die sind um Klassen besser als die Originale.
Nicht mehr „off-grid“ und in der Zivilisation angekommen gibt‘s hier sogar ein ordentliches WLAN mit schneller Verbindung. Die Zurückgebliebenen wird es freuen.
Und morgen geht‘s auf die Äußeren Hebriden, Lewis und Harris. Yippieyayeeh, Schweinebacke!