Newquay - Bodmin
Weil ich mir gestern Abend das Dinner gespart hatte gab es zum Frühstück ein ordentliches „Cornish Hash“ mit gebratenen neuen Kartoffeln, Bacon, Würstchen unbekannter Herkunft (wir erinnern uns an die drei Sorten), Spinat, Pilzen, einer halben gebackenen Tomate und einem pochierten Ei darüber. Ziemlich deftig, ziemlich lecker – zuhause bezeichnen wir sowas als Restepfanne. Genau das Richtige, um einen Fahrtag zu beginnen.
So gestärkt machte ich mich auf den Weg zu meinem nächsten Ziel. Der erste Stopp bei Prideaux Place war schon nach vergleichsweise wenigen Kilometern bzw. Meilen erreicht. Am nordwestlichen Stadtrand von Padstow am Ende der Church Street erhebt sich umgeben von einem 16 Hektar großen Park das Haus der Prideaux-Familie, das noch heute in deren Besitz ist. Der elisabethanische Landsitz wurde 1592 auf einem „E“-förmigen Grundriss errichtet, war heute nicht zu besichtigen, machte aber von außen schon einiges her. Und eine Jagd direkt gegenüber durfte da natürlich auch nicht fehlen.
Über Wadebridge fuhr ich dann zum Tintagel Castle, in dem angeblich König Artus gezeugt worden sein soll. Wegen hochgradigem Nasenaufkommen, insbesondere asiatischer und osteuropäischer Natur, verkniff ich mir den Fußweg zur Ruine und setzte mich statt dessen in ein Café am Straßenrand, um das lebhafte Treiben zu beobachten. Zwei Knaben mit ihrem Quad machten die schmale Straße unsicher, heizten hin und her und mussten immer wieder kreuzenden Fußgängern ausweichen. Desgleichen tat ein älterer Herr auf einem Minimoped, der mit quietschenden Reifen und lauthals schimpfend vor den „bloody tourists“ vollbremste.
Weil mein Navi mal wieder die Verbindung zum Satelliten verloren hatte kurvte ich noch ein wenig in der Gegend rum (Umwege verbessern bekanntlich die Ortskenntnis), fand aber auch ohne dessen Hilfe den Weg zum Davidstow Airfield. Dort gibt es ein großflächiges Museum in über 20 Hallen, in dem die britische Glorifizierung des Militärs auf die Spitze getrieben wird. Schon der schnurrbärtige Herr an der Eingangsschranke entbot mir einen militärischen Gruß und wies mir einen schönen Parkplatz für mein Motorrad an. Nachdem er begriffen hatte, dass ich Deutscher bin, bekam ich ihn kaum noch vom Bein mit seinen Geschichten aus WW1 und WW2.
Der Gang über das Gelände des Freiluftmuseums konnte nach Entrichten eines Obolus von 7£ beginnen. Schon nach der ersten Halle beschlich mich ein mulmiges Gefühl, der Rottweiler und die Nazi-Sachen in Halle zwei machten die Sache auch nicht besser und ich war nahe daran, meinen Rundgang abzubrechen. So viel Kriegsgerät, so viele Geschichten aus WW1, Falkland und WW2 durcheinander – und immer ging es nur darum, irgendetwas zu erreichen oder zu bekommen, was der andere hat. Und dafür mussten hunderttausende arme Schlucker ihr Leben lassen. War mir schon immer und ist mir immer noch unbegreiflich.
Daneben auch Installationen, die das Leben neben dem Kampf an der Front darstellten. Das machte es nur noch schlimmer. Zum Beispiel die vielen geleckten Herren in ihren ordentlichen Uniformen im Offizierskasino, die Damen dazu, die teuren Getränke, nebenan der Squashcourt für die Offiziere: Der Krieg muss für sie ein Job wie jeder andere gewesen sein, den man ein paar Stunden am Tag ausübte, um sich anschließend dem Sport, der Entspannung oder den Armen einer schönen Frau hinzugeben.
Ich schaffte alle 21 Hallen, und die 21 Hallen schafften mich. Danach musste ich erst mal wieder bei einer Cola und einer Zigarette zu mir kommen. Die wenigen Bilder, die ich gemacht habe, sind nur der Blick durch das Schlüsselloch. Der Schnurrbärtige drückte mir zum Abschied mit einem „Auf Wiedersehen“ die Hand, bevor er sie wieder in Stirnhöhe zum militärischen Gruß erhob.
Die Rückfahrt begann ich mit wackligen Beinen und hielt nach einem knappen Kilometer auf dem eigentlichen Airfield an, das heute mit den vielen Schafen einen wesentlich friedlicheren Eindruck macht als noch vor mehr als 80 Jahren. Ein paar Augenblicke des Durchatmens, bevor es weiter ging.
In Altarnun fand ich dann nach ein paar Fahrminuten ein wirklich friedliches und lauschiges Plätzchen mit Brücke und Flüsschen, das mich dann endgütlig beruhigen konnte.
Das Jamaica Inn etwas außerhalb Bodmins gelegen hält die Fahne der Schmuggler hoch. Das sehr weitläufige Gebäude mit Zimmern, Bars, Restaurant, Museum, Shop und viel Garten drumherum scheint von der glorreichen Zeit des Schmuggels nur so zu triefen. Irgendwie schaffen es die Engländer doch immer wieder, auch aus den schlimmsten Sachen einen gewissen Nationalstolz zu ziehen.
Zum Abendessen gab’s einen ordentlichen Burger und ein lokales Bier, sodass nicht nur die Seele, sondern auch der Körper wieder einigermaßen im Lot waren. Als mich der Platzanweiser zu meinem Tisch führte stolperte ich doch glatt über einen schwarzen Hund, der auf dem dunklen Teppich bei schummrigem Licht quer über dem Gang zu den Tischen lag. Meine erste Reaktion war, mich bei dem Hund und seiner Besitzerin zu entschuldigen. Im Nachhinein dachte ich mir, hätte ich eigentlich die Dame dafür rügen sollen, dass sie gefälligst mehr auf Ihr Tier und weniger auf ihr Smartphone achten solle. Auch ein Punkt, an dem ich mit Frau Stephan arbeite, aber es war schon mal ein guter Schritt, den zweiten Gedanken überhaupt zu haben.
Fazit des Tages: Die Nordwestküste von Cornwall ist sehr viel schöner als die Südküste. Buchten, Strände und Brandung habe ich von weitem gesehen, als ich durch die sanften Hügel der grünen Landschaft fuhr. Touristen gibt’s hier auch, wenn auch weniger als im Süden. Und Davidstow war sicher das erste und letzte Museum dieser Art, das ich mir antue.