Folke­stone - Dour/B

Letzter Morgen auf der britischen Insel, und er begann früh.

Meine Fährgesellschaft hatte mich ziemlich verwirrt mit ihren Zeitangaben. Erst hieß es, Check-in um 8:1 5 Uhr und Abfahrt um 9:15 Uhr. Etwas später dann wurde die Abfahrtszeit mit 10:15 Uhr angegeben, kurz vor Ankunft am Fährhafen hieß es dann 11:15 Uhr. Um nicht zu spät zu kommen bin ich um 7:30 Uhr vom Hotel aufgebrochen, nicht ohne vorher noch zwei Motorradgruppen unabhängig voneinander in ein Gespräch zu verwickeln.

Kurz nach acht Uhr stand ich in der Schlange für die Passkontrolle und den Check-in. Vor mir zwei Reisebusse, eine Würstchenbude und zwei PKWs. Das mit den Reisebussen, die wahrscheinlich voll besetzt waren, dauerte natürlich. Zum Glück öffnete ein zweiter Schalter rechts von meiner Reihe und die beiden PKWs vor mir und ich wechselten die Spur. Murphys Law kam zu ihrem vollen Einsatz, denn die Überprüfung der Tickets in den beiden PKWs dauerte länger als die der Reisebusse. Der Grund war, wie ich erfuhr, als ich dann endlich dran war, dass das Terminal hier nicht funktionierte und der Mensch jedes Mal mit den Reisepässen der Passagiere in der Hand zu einem anderen laufen musste, um sie einzuchecken. Das dauerte länger, als wenn ich hinter den Reisebussen geblieben wäre. Fing ja gut an!

Nach einer knappen Dreiviertelstunde konnte ich dann zu meiner Wartereihe Nr. 104 fahren und entdeckte auf dem großen Bildschirm, dass die Abfahrtszeit mit 10:15 Uhr (pünktlich) angegeben war. Also wieder eine gute Stunde Wartezeit. Immerhin war ich (über)pünktlich da gewesen. Die beiden Motorradfahrer aus Köln und Bonn, die ich schon von meinem Hotel kannte, kamen dann auch und wir quatschten ein bisschen.

Irgendwann ging es dann auch auf die Fähre, die Motorräder durften wir selbst festzurren, und ich begab mich direkt ganz nach oben auf das Sonnendeck. Das war so lange eine gute Entscheidung gewesen, bis die Horden deutscher Halbwüchsiger aus den Reisebussen dort einfielen. Es wurde laut und animiert. Irgendwann reichte es mir und ich wanderte zwei Decks tiefer in die Cafeteria, wo ich mir, nach dem schmalen Frühstück im Hotel „un petit creux“ verspürend, ein Sandwich und einen Becher mit Ananasstreifen einverleibte. Aber auch hier hielt die Ruhe nicht lange, denn nun kamen die Halbwüchsigen. Weil es sich ganz offensichtlich um eine Klassenfahrt handelte, waren die Lehrer auch nicht weit. Gut zu erkennen an den Verzehrquittungen, die sie mit spitzen Fingern zu ihren Plätzen trugen, damit bei der Reisekostenabrechnung auch nichts schief gehen kann.

In Calais angekommen durften wir unsere Motorräder auch wieder von den Befestigungen befreien und bereiteten uns auf die Ausfahrt vor. Links neben mir die Köln-Bonner mit ihren großen Triumph Tiger Explorer, rechts neben mir zwei Bottroper auf fetten Honda Goldwing. Alle vier hatten Schwierigkeiten, ihre schweren Maschinen vom Hauptständer runterzubekommen. Ich kicherte in meinen Helm beim Zusehen.

Durch die Kreisverkehrwüste Calais’ fuhr ich in Richtung Belgien. Endlich wieder auf der richtigen Straßenseite. Zumindest in Frankreich waren die Straßenbeläge nicht wirklich top, stellten ihre englischen Pendants aber durchaus in den Schatten. Dann kamen die Belgier. So lange es auf einer Nationalstraße geradeaus ging und man es hätte laufen lassen können erinnerten die Betonpisten an Stoßdämpferteststrecken. Padong, padong, padong – immerhin entschuldigten sie sich für jede dieser groben Unebenheiten. Machte die Sache aber auch nicht besser. Meist ging es aber nicht geradeaus, sondern über unwesentlich besseres (oder nicht ganz so schlimmes) Geläuf über kleine und kleinste Straßen, viele Kreisverkehre, Ampeln und Käffer.

Etwa 50 Meter hinter der französisch-belgischen Grenze (meine Strecke konnte sich nicht entscheiden und wechselte permanent die Seiten, was mich auch insofern konfus machte, als es ständig unterschiedliche Verkehrs- und Geschwindigkeitsregeln zu beachten galt – Ende der Parenthese) entdeckte ich das „Café de la douane“. Das kam wie gerufen für eine Kaffeepause. Im Schankraum saß ein halbes Dutzend Männer vor ihrem Bier respektive Wein und diskutierten heftig in einem Idiom, das ich noch nie gehört hatte. Ab und zu ein französischer oder ein flämischer Brocken, den ich aufschnappte; der Rest völlig unverständlich. Ich fand diesen Ort und seinen Namen aber so putzig, dass ich doch glatt ein Selfie (ich glaube, es war das dritte in meinem Leben) aufnehmen musste.

Die Landschaft im Département du Nord (Frankreich) und auf belgischer Seite ist zwar nett, aber nicht berauschend. Sehr landwirtschaftlich, viele Felder, viel Grün, und ab und zu mittendrin hässliche Industriebauten. Die Strecke zog sich und ich quälte mich Kilometer für Kilometer vorwärts, Wenigstens war es meistens trocken. Irgendwann musste ich dann aber doch nochmal am Straßen- bzw. Feldrand anhalten, um Hände, Unterarme und Rücken zu entspannen. Das Alter?

Wie auch immer: „La Table d’Auguste“ – verheißungsvoller Name meiner heutigen Unterkunft – erreichte ich pünktlich um 18 Uhr, als der Laden öffnete. Apéro auf der Terrasse, Abendessen im Restaurant. Bei meiner Ankunft war gerade eine Truppe junger Erwachsener in die Geheimnisse der konvenablen Bedienung der Gäste im Restauraunt eingewiesen worden. Sie gaben sich später alle Mühe, insbesondere die beiden Mädels. Die vier linkischen Knaben haben noch eine Menge zu lernen, was zu lustigen Situationen führte.

Fazit des Tages: Das war heute nochmal richtig anstrengend. Ich bin froh, morgen über die Autobahn nach Hause zu fahren, auch wenn das blöd ist. Ach ja: Endlich wieder ordentliche Steckdosen, nicht die klobigen Dinger wie in England. Und Mischbatterien gibt es auch wieder, anstelle von separaten Heiß- und Kaltwasserhähnen.

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