Folkestone - Brighton
Wegen der Stunde Zeitverschiebung war ich für hiesige Verhältnisse früh auf den Beinen und beim Frühstück. Der Tag hatte sich freundlich angekündigt, die morgendlichen Sonnenstrahlen hatten mich um halb sieben wachgekitzelt, und nach einem Nescafé Classic auf dem Zimmer wollte ich dann doch lieber etwas anderes haben.
Nachdem ich später meine Sachen gepackt und ausgecheckt hatte sollte es im Schein der Morgensonne auf die Piste gehen. Aber, ach: Das selbe Problem wie gestern mit auslaufendem Benzin zeigte sich beim Start des Motorrads. Und dabei hatte ich den Fehler doch – vermeintlich – repariert. Nun ja, ich wusste ja, was auf mich zukommt, also die Klamotten wieder ausgezogen, Gepäck runter, Gepäckträger und Sitz demontiert, Tankbefestigung abgeschraubt. Zunächst vermutete ich eine weitere Schwachstelle und leuchtete mit meinem LED-Lämpchen unter dem Tank rum, konnte aber nichts finden. Also Tank komplett demontiert – und siehe da: Der Stecker, den ich gestern noch so ordentlich fest auf dem Benzinauslass des Tanks vermutet hatte, war schon wieder ab. Hm! Als Achillesferse entpuppte sich die Arretierung des Steckers aus Plastik, die wohl bei der Kombi aus Motorvibrationen und Benzinansaugunterdruck (das Wort hab ich gerade erfunden) die Grätsche macht. Weil Provisorien oft die besten Lösungen sind verzurrte ich beide Schläuche mittels Kabelbinder. Bis jetzt haben sie gehalten.
Um 9:00 Uhr konnte es also endlich losgehen. Für die Route nach Brighton über hauptsächlich kleine Küstenstraßen hatte ich etwa fünf Stunden eingeplant, für 132 Kilometer, wohlgemerkt. Das sollte ziemlich genau hinkommen.
Zunächst fuhr ich um ein ziemlich großes Sperrgebiet herum. Militär oder großer Energieversorger? Wo ist der Unterschied? Naja, und hässlich war die Gegend dort auch noch.
Das sollte sich aber bald geben, es wurde grüner auf der rechten Seite der Straße und deichiger auf der linken. Ab und zu hielt ich mal an, um mir Meer und Strand anzuschauen, wie z.B. auch in Jury’s Gap. Das Bild war immer das gleiche: langer und breiter Kieselstrand mit wenigen Menschen und ein paar Hunden.
Umso mehr war dafür auf den Straßen los. Am Freitag vor dem Pfingstwochenende schienen sich alle früh auf den Weg gemacht zu haben. Auch die obligatorischen Reisebusse mit asiatischen Touristen durften da nicht fehlen. Zum Glück war ich die Dortmunder Karnevalisten von gestern losgeworden.
Die Seebäder hier an der Südküste Englands tragen ihre Historie stolz zur Schau. Egal wie klein oder groß, wie bekannt oder nie gehört: Die Architektur zeugt von großen vergangenen Zeiten. Und die vollen Promenaden zeugen davon, dass trotz moderner Zeiten und PS-starker PKWs viele diesen guten alten Zeiten nachtrauern. Wie auch immer: Der dichte Verkehr nervt. Da hatte ich wenig Lust, für Fotos oder Filmaufnahmen anzuhalten oder gar eine Pause einzulegen. Das erledigte ich lieber an Stellen, an denen es etwas ruhiger zuging. Die gab’s ja auch.
Hastings – man erinnert sich: 1066 – ficht seine Battles heute auf „fab festivals & exciting events“ aus. Seebad-Atmosphäre wie überall, nur noch geschichtsgeschwängerter, weil die „Battle of Hastings“ ganz augenscheinlich nur noch als Köder für sehr moderne und Social Media-konforme Veranstaltungen gut ist.
In Brighton hatte ich mich für drei Nächte im „Legends Hotel“ eingebucht, ohne zu wissen, dass es das LGBTQ-Hotel der Stadt ist. Geile Atmosphäre jedenfalls, viele schrille Figuren. Und jetzt über’s Wochenende jeden Abend Live-Shows von und mit Drag Queens. Die Ohrenstöpsel auf meinem Nachttisch verheißen einiges. Auch das Angebot der „Jägerbombs“ auf der Theke der Bar sagt eine Menge aus. Naja, ich werde es ja sehen bzw. hören.
Fazit des Tages: Größtenteils schöne bis sehr schöne Küste mit Stränden vielfach größer als die benachbarten Ortschaften. Alte englische Seebäder haben einen morbiden Charme, der von gar nicht wenigen Menschen goutiert wird. Und hoffentlich hält meine finale Reparatur an der Benzinzufuhr meines Motorrades.