Farnborough - Chatham
Zum Türken habe ich es gestern Abend nicht mehr geschafft, so geschafft war ich. War es das Feierabendbier? –Wie auch immer: Um neun Uhr fielen mir die Augen zu. Also nix mehr „mit alles und scharf“. Mit alles gab’s dafür beim Full English Breakfast, nur scharf war nicht.
Um kurz nach neun machte ich mich auf den Weg. Erstaunlicherweise war mein Motorrad über Nacht getrocknet, aber während des Beladens erschienen die ersten Regentröpfchen auf Tank und Sitzbank. Wäre ja auch zu schön gewesen. Die Wetter-App hatte mir heute morgen schon hämisch verkündet, dass, egal wann und wie schnell ich fahre, ich immer nass werden würde. Nun sind Apps im Allgemeinen und Wetter-Apps im Besonderen ja nicht unbedingt als vertrauenswürdig bekannt. Leider stimmte die Vorhersage heute, denn es wurde nass und schmutzig.
Schon nach einer guten halben Stunde erreichte ich Motolegends in Guildford. Das ist ein Händler für Motorradklamotten, der auf seinem Youtube-Kanal immer gute und vergleichsweise ehrliche Vorstellungen, Tipps und Informationen vom Chef, „Chris – The Chap in the Cap“, veröffentlicht; und wenn ich schon in der Gegend bin wollte ich mir den Laden doch mal anschauen. Um neun Uhr sollten sie angeblich öffnen, was sich als Falschinformation (Fake News!) herausstellte. Trotzdem öffnete mir eine junge Dame, bot mir einen Kaffee und eine kurze Wartezeit bis zehn Uhr an. Da saß ich nun zusammen mit einem englischen Ehepaar, das natürlich – im Gegensatz zu mir – einen Termin um zehn vereinbart hatte. Es sollt ein neuer Helm für den besonders kleinen Kopf der Dame werden, denn hier vermessen sie Schädel und beraten ausführlich.
In dem winzigen Laden mit riesigem Lager nebenan (der Versandhandel ist das Hauptgeschäft von Motolegends) begrüßte mich ein sehr freundlicher Mitarbeiter, dessen Namen ich mir leider nicht gemerkt habe. Wir sprachen erst allgemein über den Laden, ihre Produktpalette und was mich hierher getrieben hatte. Auf meine Frage nach dem „Motolegends Layer System“ erklärte er mir vollumfänglich, um was es sich handelt und warum sie das für besser halten als die übliche Entweder-Oder-Entscheidung bei der Wahl von Motorradbekleidung. Das meiste wusste ich zwar schon, aber ein paar unklare Details räumte er auf Nachfrage noch aus. Und weil mir die Herangehensweise schon immer logisch und nachvollziehbar erschienen war kaufte ich eine Jacke. Alles andere für das Layer System habe ich schon. Die Jacke selbst kommt von Belstaff und ist in Deutschland nur per Internetbestellung direkt vom Hersteller zu beziehen, natürlich ohne Anprobe usw., und mit mehr als 80% Aufschlag auf den Preis hier in England. Fehlte nur noch der Rückenprotektor im Wert von 50£, den ich dazugeschenkt bekam, und Motolegends hatte einen neuen Customer und ich eine neue Jacke. Meine Pläne damit sind schon ausgereift, denn unter anderem kann dadurch meinen RoboCop-Anzug loswerden.
Als ich nach einer guten Stunde in Guildford aufbrach fing es gerade wieder an zu regnen. Na toll. Ich hatte ja vorgehabt, beim Ace Café vorbeizuschauen. Die Fahrt dorthin und der Weg anschließend quer durch die Innenstadt von London schreckten mich aber, sodass ich beschlossen hatte, einen bei uns unbekannten, in England aber traditionsreichen Treffpunkt für Motorbiker aufzusuchen, das Rykas in Box Hill. Durch Wasser von oben und unten sowie durch den Dreck auf der Straße kämpfte ich mich bis dort hin. Kein Spaß, hat sich aber gelohnt.
Die Wetter-App verhieß mir eine eineinhalbstündige Mittagspause, insofern ich das Ende des Regens abwarten wollte. Ich ging’s also langsam an, setzte mich gemütlich, aber in voller Montur, weil es doch recht kalt war, unter einem Zeltdach auf eine Bank und schaute dem Treiben hier erst mal eine Weile zu. Der obligatorische Burger, eine „Plane Jane“, war lecker, und eine Cola gab’s auch dazu. Nachdem ich genügend Zeit totgeschlagen hatte und schon trotz Regens aufbrechen wollte, kam Cristiano aus Memphis/Tennessee ins Spiel. Vater Kubaner, Mutter Argentinierin, die Großeltern aus Deutschland und Österreich stammend.
Während ich mich auf die Weiterfahrt vorbereitete kam er zu seinem Motorrad und ich quatschte ihn einfach an. Es sollte ein sehr interessantes Gespräch von mehr als zwanzig Minuten Dauer werden, das in gegenseitigen Fotos gipfelte. Meines (also das, welches ich von ihm gemacht habe) natürlich mit Fairness United-Sticker, von denen er gleich drei Stück haben wollte. Damit verabschiedeten wir uns voneinander mit den üblichen Wünschen für eine gute Reise, er auf dem Weg nach Thailand, ich nach Hause.
Die Weiterfahrt durch den südlichen Stadtrand von London gestaltete sich eher unerfreulich. Viel Verkehr, viel Sprühregen, sodass das Visier immer geschlossen bleiben musste, hunderte Kreisverkehre und so. In einem dieser Roundabouts hätte es beinahe gekracht. Ich fuhr sehr langsam darauf zu und wollte fast schon hineinfahren, als sich der Fahrer aus der Gegenrichtung kurzfristig und ohne zu blinken dazu entschloss, in meine Richtung abzubiegen. Über die quadratmetergroßen „manholes“ (aka Kanaldeckel) hatte ich ja schon berichtet: Zwei von denen lagen hintereinander genau in meiner Fahrspur, es war pitschenass und bremsen war aussichtslos. Ich rutschte also in den Kreisverkehr rein, konnte mich und mein Motorrad gerade noch aufrecht halten und direkt hinter den beiden gusseisernen Kameraden zum Stehen kommen – einen knappen Meter vor dem vorbeifahrenden Lieferwagen. Sauknapp, hat aber gereicht. Oh Mann, ey! Das hätte ich nicht auch noch gebraucht.
Das Maß der Verhöhnung durch meine Wetter-App vollmachend hörte der Regen just bei meiner Ankunft am „Ship & Trades“ in Chatham auf und die Sonne durchbrach die Wolken. „Oh dear, the sun is coming out. Isn’t that lovely?“, frohlockte die Dame an der Rezeption. Hah hah! Immerhin habe ich ein schönes Zimmer mit Blick auf den Sportboothafen.
Weil ich hier quasi am Meer residiere und morgen der letzte Tag auf der Insel ist gibt’s heute nochmal Fish’n’Chips. Der Haddock schmeckte zwar nach fast nichts, aber dafür war das Erbsenpüree mit Minze versehen und die Pommes ausnahmsweise mal gesalzen.
Fazit des Tages: Zwei tolle Stopps habe ich mir da ausgesucht (schulterklopf). Bin sehr zufrieden mit mir (nochmal schulterklopf). Die neue Jacke trage ich unter meiner eigentlichen Jacke, weil ich erstens nicht genug Platz im Gepäck habe und zweitens den Einfuhrzoll sparen will (sind die Engländer nicht immer so stolz auf ihre Schmuggler?). Cristiano aus Memphis/Tennessee versuchte mich davon zu überzeugen, dass nicht alle US-Amerikaner so blöd wie die MAGA-Leute sind und er noch Hoffnung hat, dass dieser ganze Spuk irgendwann vorbei ist. Zum Glück habe ich die Londoner Innenstadt vermieden; der Stadtrand hat mir schon völlig gereicht. Aber mein Motorrad sieht aus wie Harry.