Brighton (Tag 2)
Die Sache mit dem Türschloss und der Schlüsselkarte verfolgte mich auch heute morgen: Es funktionierte wieder nichts, nachdem ich vom Frühstück in mein Zimmer wollte. Die freundliche Dame versuchte es selbst, sah ein, dass es keinen Zweck hatte und gab mir ihre Generalschlüsselkarte (!), damit ich wenigstens mein Zimmer betreten konnte. Außerdem wollte sie sich parallel um endgültige Abhilfe bemühen.
Also spazierte ich erst mal gemütlich zum Madeira Drive direkt unterhalb des Hotels, wo die PistonHeads heute einen großen Auftritt haben sollten. Der Name bedeutet eigentlich wörtlich Kolbenboden, entspricht aber dem „deutschen“ PetrolHead wohl eher. Es gab jedenfalls auf der eigens für diesen Anlass gesperrten Straße jede Menge PS-Boliden, skurrile Fahrzeuge, Umbauten, Tuningopfer und vieles mehr zu sehen. Schon früh am Sonntagmorgen, also so gegen zehn Uhr, waren zahlreiche Schaulustige gekommen. Immer mehr Fahrzeuge reihten sich entlang des Madeira Drive bei Motorengedröhne und Benzingestank ein, wurden bestaunt, fotografiert, und ihre Besitzer in mehr oder weniger kompetente Fachgespräche verwickelt. Das zwanzigste Jahrhundert grüßte nochmal mit wedelndem Hut.
Am Nachmittag machte ich mich dann auf den knapp dreiviertelstündigen Fußweg zum „The Signalman“, dem Pub in Brighton, wo sich die Fans des lokalen Premier League-Clubs Brighton Hove Albion zum gemeinsamen Spieleschauen treffen sollen. Es war in zweierlei Hinsicht enttäuschend. Erstens gab es wohl ein paar Fans, aber der allergrößte Anteil der Gäste war hier zu einem ganz gewöhnlichen Pubbesuch hergekommen: essen, trinken und sich laut unterhalten. Kein einziger Gast trug ein Trikot oder eine andere Devotionalie des Clubs. Zweitens hatte das Fußballspiel Brighton Hove Albion gegen Manchester United, von dem ich mir Einiges versprochen hatte und das ich mir dennoch in voller Länge auf einem der zahlreichen Monitore ansah, allerhöchstens Zweitliganiveau. Die ersten 30 Minuten waren gezeichnet von Fehlpässen, technischen Fehlern und – wie man in der Bundesliga immer so schön betont – fehlenden Basics. Dann brachte ManU etwas mehr Qualität rein und schoss auch zwei Tore. Das dritte fiel kurz nach Wiederanpfiff in der zweiten Hälfte, dann war es wieder nur noch ein schlimmes Gekicke. Die Hausherren gaben in der 85. Minute ihren ersten Schuss aufs gegnerische Tor ab, der allerdings direkt auf den Torhüter von ManU ging, also völlig ungefährlich. Alle vorherigen waren mehr oder weniger weit daneben gegangen. Zwischenzeitlich stellte ich mir ernsthaft die Frage, wofür die Spieler so viel Geld bekommen, denn die Premier League ist ja für exorbitante Gehälter bekannt. Später auf dem Rückweg zum Hotel war ich froh, nicht die aufgerufenen 350 £ für die Eintrittskarte ins Stadion bezahlt zu haben.
Was mir dennoch positiv im Gedächtnis geblieben ist: Im englischen Fußball geht es physischer zur Sache (das weiß man), aber ich habe keinen Spieler gesehen, der wie in der Bundesliga nach der kleinsten Berührung sich laut schreiend auf dem Rasen wälzt und den Schwerverletzten markiert. Und der Foulende gibt dem Gefoulten die Hand und hilft ihm wieder auf die Beine. So kann es auch und sollte es eigentlich immer gehen.
Positiv an dem Pubbesuch war immerhin das Essen. Ich hatte ein „Garlic and Rosmarine Chicken Supreme Roast“ bestellt, das sehr ordentlich war. Und positiv war auch mein Getränketest. Es gab hier nämlich Guinness alkoholfrei, und das schmeckte gar nicht schlecht. Kam zwar geschmacklich nicht wirklich an das Original mit Alk heran, war aber besser als alle anderen alkoholfreien Biere, die ich bisher so probiert hatte. Und das waren einige. Für die 0,0%-Variante gab es interessanterweise eine eigene Zapfanlage, in die eine Dose gesteckt wurde, womit man die Illusion eines gezapften Guinness erzeugte.
Wiederum eine Dreiviertelstunde Rückweg zu Fuß zum Hotel durch diesmal wesentlich ruhigere Straßen als noch auf dem Hinweg, bis ich dann schon von Weitem den Lärm von der Terrasse meines Hotels hören konnte. Home, Sweet Home!
Fazit des Tages: Das Verbrennerautomobil – insbesondere mit lautem Motor und knallendem Auspuff – steht hier noch hoch im Kurs. Schräge Um- und Ausbauten werden goutiert. Bei näherem Hinsehen ist der englische Premier League-Fußball trotz des vielen Geldes technisch und taktisch nicht schöner anzusehen als der deutsche in der Bundesliga, zumindest wenn der Dritte gegen den Achten in der Tabelle spielt. Zwei Aufkleber von Fairness United konnte ich an markanter Stelle anbringen – ein kleiner Erfolg.