Brighton - Bournemouth
Zeitig gepackt, gefrühstückt, das Motorrad geholt und beladen – und schon konnte es gegen neun Uhr losgehen. Auch heute sollte es wieder für die Gegend und für die Jahreszeit verhältnismäßig warm werden, da empfahl sich ein früher Aufbruch.
Zunächst fuhr ich zum „American Express Stadium“, der Heimat des Brighton Hove Albion FC. Gute acht Kilometer außerhalb der Stadtgrenzen auf dem dicken Land gelegen sieht dieser Fußballdom wie ein notgelandetes Ufo in grüner Landschaft aus, von Feldern und Schafweiden umgeben. Nachdem ich mein versprochenes Foto mit dem Fairness United-Aufkleber „#USA2026 - Love Football Hate Fascism“ geschossen hatte ging es in Richtung Bournemouth, meinem nächsten Stopp auf der Tour.
Erst mal vierspurig, später zweispurig, brummelte der Zweizylinder unter mir durch die Landschaft, die mich stellenweise an die Landes in Frankreich erinnerte, weil flach und auf den freien Flächen mit Heidekraut bewachsen.
Portsmouth war mein erster Halt, mein Hintern und meine Hände verlangten nach fast drei Stunden Fahrt nach einer Pause. Nahe dem historischen Hafen fand ich am Straßenrand einen Eismann, der auch kühle Getränke verkaufte. „A real Coke“ war Pflicht, das Manufaktur-Eis, obwohl intensiv beworben (Cow to Customer – großartig!), überließ ich den Autochthonen. Während ich so im Schatten trinkend und rauchend auf einem Felsbrocken saß und den vorbeiflanierenden Menschen zusah, fiel mir eine Sache auf: Der gemeine Engländer scheint viel Wert auf Nachhaltigkeit zu legen. Anstatt bei dieser Hitze ein T-Shirt zu tragen, das dann auch wieder gewaschen und gebügelt und irgendwann ersetzt werden muss, trugen die meisten Passanten ihren mehr oder weniger komplett mit Tattoos übersäten Oberkörper zur Schau. Hätt ich jetzt nicht unbedingt gebraucht, aber ok.
In Lymington war mein nächster Halt, Hunger und Durst forderten ihren Tribut. „The Mayflower“ (geschichtsträchtiger Name) direkt an der Marina machte einen einladenden Eindruck. Leider bezifferte das Personal die Wartezeit bei Essensbestellungen auf eine Stunde, weshalb ich anstatt zu speisen lieber zwei alkoholfreie IPA-Biere trank. „Schmeckt auch gut!“, wiederum besser als das deutsche 0%-Bier.
Verschwitzt und müde erreichte ich dann endlich das Royal Exeter Hotel in Bournemouth, viele Staus, die ich elegant umfuhr, inklusive. Dann wurde es richtig interessant.
Ist es der Pfingstmontag, ist es die Omega-Wetterlage, die mir schon vergangenes Jahr in Schottland reichlich Sonnenschein beschied? –Der Strand und alles drumherum war schwarz vor Menschen, Rimini an der Adria kann nicht schlimmer sein.
Die beiden Restaurants, die ich mir für Apéro und Abendessen ausgesucht hatte, waren leider geschlossen. Also folgte das nächste, „Neo“, mit Fisch und Weißwein. Nach dem vielen Bier in den letzten Tagen war mir heute eher und intensiv nach Wein. Der Picpoul 250 ml kostete ordentliche 13 £, aber der musste es einfach zum Sashimi zur Vorspeise und ein weiteres Glas zum Filet de Sole an grünem Spargel sein. Rauchen am Tisch war übrigens verboten, „vaping“ aber erlaubt. Erinnert mich an die Handspielregel im Fußball. Versteht auch keiner mehr.
Als ich also meinem leichten Dîner zusprach installierte sich ein Paar mit Neugeborenem und Fußhupe (aka kleinem Hund) am Nebentisch. Während die botoxbelippte Mutter ihr Kind mit wassergelöster Industrienahrung aus der Flasche abfüllte und kräftig dem Lagerbier zusprach machte das dazugehörige Männchen eifrig Fotos mit dem Smartphone, die das Weibchen dann stante pede auf wasweißichwasfür Plattformen der Welt zur Verfügung stellte. Müssen wir uns noch über irgend etwas wundern?
Die (gesalzene) Rechnung für das Abendessen erinnerte mich an frühere Erfahrungen aus Österreich. Dort gab es als letzte Position auf den Restaurantrechnungen häufig den Posten „W.B.“. Das Stand damals für „wenn’s beliebt“ und war ein Betrag um die zehn Prozent des Rechnungsbetrages. Heute hatte ich das Äquivalent dazu, die „12.5% Suggested Service Charge“, gefolgt von einem nach meinem Empfinden in diesem Zusammenhang schon ironischen „Thank you for dining with us“. Abwählen unmöglich: Thank you for screwing me.
Fazit des Tages: Für England große Hitze, für mich auch. So viele Menschen hätte ich jetzt nun wirklich hier nicht erwartet. Hoffentlich wird es gen Westen sehr viel ruhiger. Das hier brauche ich wirklich nicht. Briten lernen gerne von Österreichern, wenn’s in die eigene Tasche geht.