Bourne­mouth - Torquay

Das Frühstück in meinem schon etwas heruntergekommenen Hotel nahm ich auf bunten Sesselchen mit Blick auf die Dancefloor-Bühne inklusive Discokugel an der Decke ein. Zum Glück war ich hier nicht am Wochenende gewesen, denn da geht’s wohl lautstärkemäßig ziemlich ab in dem Schuppen.

Aufbruch also wieder um neun Uhr und erst mal eine gute Stunde Fahrt bis zu meinem ersten Haltepunkt, dem Cerne Abbas Giant. Das ist laut Wikipedia ein riesengroßes Scharrbild umstrittenen Ursprungs auf einer Hügelseite bei Cerne Abbas nördlich von Dorchester in der südwestenglischen Grafschaft Dorset. Was mir zuallererst auffiel, als ich den nahegelegenen Parkplatz ansteuerte und mein Motorrad im Schatten geparkt hatte, war die Stille. Nur zwitschernde Vögel waren zu hören, sonst nichts. Das war das genaue Gegenteil zu den letzten Tagen in den Küstenstädtchen. Ich hatte mich heute nämlich für eine Strecke durch das Hinterland und nicht wieder an der Küste entlang entschieden.

Nach einer Dreiviertelstunde Pause mit Foto- und Videoaufnahmen des Riesen (die 15 Minuten Fußweg dorthin ersparte ich mir, weil ich nicht in den Motorradklamotten durch die pralle Sonne laufen wollte) fuhr ich weiter. Zunächst Single Track Roads, dann eine Fahrspur in jede Richtung, später und dann zum größten Teil der Strecke auch „Dual Carriageway“, also vierspurige Bundesstraße.

Sehr lauschig an einer Tankstelle direkt an einer solchen Schnellstraße machte ich später noch eine Pause, trank einen „echten Bohnenkaffee mit echter Milch“, wie die draußen angeschlagene Werbung mir suggerieren wollte, und ein Wasser.

Kein Wunder, dachte ich mir, wenn hier mit für uns Deutsche eigentlich Selbstverständlichkeiten geworben wird, denn sehr viel dessen, was man hier so an Getränken und Nahrung angeboten bekommt, ist hochverarbeitete Industrieware. Das fängt schon mit dem morgendlichen Toast an. Andere Brot- oder Brötchensorten gibt es nicht, aber man hat immerhin die Auswahl zwischen weiß und braun. Manchmal wird auch noch ein aufgebackener Croissant aus der Tüte angeboten. Der Kaffee, egal ob Bohne oder Pulver, schmeckt grauenhaft, da hilft auch die echte Milch nicht, falls die zu kriegen ist. Dafür ist der Tee dünn und fast geschmacksneutral. Immerhin versteht man sich auf das warme Frühstück, bei dem allerdings nicht immer klar ist, ob das obligatorische Würstchen vom Metzger, vom Bäcker oder vom Schreiner kommt.

Das ist jetzt kein Rant auf das englische Essen; vielmehr sollten wir uns immer wieder klar machen, wie gut wir es haben und wie vergleichsweise gut wir in Deutschland versorgt sind, sofern wir darauf achten.

Gute 30 Kilometer später war ich dann in Torquay an meinem Hotel, wieder mal durchgeschwitzt wegen der 28° im Schatten, in dem ich nie fahre. Nach der Butze gestern eine Wohltat, was die Angestellten, das Haus, das Zimmer und die Angebote anbelangt.

Wieder einigermaßen präsentabel machte ich eine Runde durch die Gemeinde, kaufte in einer Apotheke noch Aspirin, das ich leider zuhause vergessen hatte, und setzte mich mit einem Feierabendbierchen auf die schattige Terrasse eines Bistros direkt an der Strandpromenade.

Das Abendessen im Hotel war sehr ansprechend und ich nahm es im Kreise vieler alter Leute ein. Hier schien ich richtig. Zur Vorspeise gab es einen Ziegenfrischkäse auf einer Mousse von Zuckermais mit kandierten Walnusssplittern. Die Hauptspeise war ein Lamm an Zucchinigemüse mit einem Streifen Kartoffelgratin, das ganz annerster als zuhause schmeckte. Dazu gab’s ein Glas Malbec aus Argentinien, der zwar sehr lecker, aber um eineinhalb bis zwei Grad zu warm war. Auf den doppelten Espresso nach dem Essen musste ich gefühlte zehn Minuten warten, während der Pianist und der füllige Schlagersänger ihr bestes gaben. Mit zunehmender Spieldauer schwollen sowohl deren Arrangements als auch die Lautstärke an.

Fazit des Tages: Es war fast ein reiner Fahrtag, der physisch anstrengend war, wegen der Hitze und wegen des Verkehrs. Abseits des Küstentrubels herrschte immer noch ordentliches Treiben, wenn auch weniger nervig. Aber es gab auch stille Plätzchen, über die ich mich umso mehr freute. Auf den langen Strecken mit gleichbleibender Geschwindigkeit hat sich meine „Poor Man’s Cruise Control“ bewährt. Das ist ein Clip auf der Außenseite des Gasgriffs angebracht, auf den ich nur den Handballen auflegen muss, um die Geschwindigkeit zu regeln. Ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig, funktioniert aber und ist entspannter als mit festem Griff um den Griff.

Bewegte Bilder: