Bodmin - Exmoor

Der Tag des Herrn war gestern, heute wurde gesündigt, und zwar schon zum Frühstück. Weil mir alles andere viel zu mächtig war und ich den Croissant mit Lachs und Rührei gestern schon hatte bestellte ich mir heute Avocadomus auf einer Scheibe angeblichen Sauerteigbrotes (natürlich auch weiß wie der Toast), getoppt mit zwei pochierten Eiern. Das war frisch und lecker, obwohl schwerst dekadent: Och nö, heute nicht schon wieder Lachs; da nehme ich lieber Avocado.

Alles außerhalb des Gebäudes war nass vom Regen in den frühen Morgenstunden, mithin auch mein Motorrad. Nachdem ich mein Gepäck beisammen, das Motorrad trockengerubbelt und beladen hatte konnte es losgehen in diesen sehr grauen und nasskalten Tag. Den Lappen, den ich zum Abtrocknen verwendet hatte, konnte ich gut in der Netztasche auf der Rückseite meiner Jacke verstauen. So hatte ich auf anderen Reisen immer mal wieder kleinere Wäschestücke während der Fahrt getrocknet. Das sollte heute nicht funktionieren.

Der Dartmoor Nationalpark ist hügelig und war wolkenverhangen, d.h. die Wolken hingen so tief, dass ich hindurchfahren musste und nur 50 bis höchstens 100 Meter Sichtweite hatte. Allerhöchste Aufmerksamkeit war gefordert, denn es hatte zwischenzeitlich auch noch ein Sprühregen eingesetzt. Ich hatte die Wahl zwischen offenem Visier und nassem Gesicht oder geschlossenem Visier und trotz permanenten Wischens kaum was sehen. Ich entschied mich für die zweite Version, weil bei offenem Visier auch meine Brille ruckzuck voller kleiner Wassertropfen und damit fast undurchsichtig wurde.

Nach etwa 60 Kilometern und eineinhalb Stunden Fahrzeit folgte ich einem „Coffee“-Schild in den Wald hinein. Ein heißer Kaffee und eine Pause wären jetzt hochwillkommen. Aber ach, der Kaffeewagen war außer Betrieb; wenigstens gab es funktionierende Toiletten. Eine Pause an diesem friedlichen Ort gönnte ich mir trotzdem, zumal die alten Bäume den Nebel und den Regen fernhielten.

Mit weiterhin Kaffeedurst und einem Hüngerchen im Bauch fuhr ich weiter in Richtung Exmoor Nationalpark. Sehr schöne Landschaft, insofern ich sie durch Regen und Nebel erkennen konnte, sehr landwirtschaftlich geprägte Gegend (es roch immer wieder intensiv nach Kuh), aber kein Café, kein Inn, kein Pub zur Einkehr. An ein paar wenigen sogenannten Free Houses kam ich vorbei, was hier wohl so was wie die Dorfkneipen sind, aber alle waren geschlossen. Anhalten war auch keine Option, denn der Exmoor Nationalpark meinte es wettermäßig noch weniger gut mit mir als vorher der Dartmoor.

So tuckerte ich mit 40 bis 50 km/h über die kleinen und kleinsten Straßen, immer den Schlaglöchern, den alle paar Meter und insbesondere in Kurven auftauchenden „manholes“ ausweichend, den gußeisernen und einen guten Quadratmeter großen Kanaldeckeln, die schon in trockenem Zustand rutschig sind. Bei diesem Wetter sind sie sauglatt. Die 40 mph (knapp über 60 km/h) vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit erreichte ich nicht; sie schien auch nur für Ortsfremde zu gelten, denn immer wieder ließ ich PKWs und Kastenwagen passieren, die eiliger als ich ihrem Ziel zustrebten.

Der Zustand der Straßen ließ zumindest für mich gar keine höhere Geschwindigkeit zu und erinnerte mich an den Fahrbericht eines englischen Roadsters, Morgan Plus 8, aus den 1970er Jahren: Er trifft auf die erste Bodenwelle, überfliegt die zweite und landet auf der dritten. Meine seidenen Unterhandschuhe sind wieder im Einsatz, weil sich das Futter der eigentlichen Handschuhe mit feuchten Fingern verklebt und beim Ausziehen so verwurschelt, dass ich sie praktisch nicht mehr überziehen kann. Mit den Unterhandschuhen ist es etwas einfacher.

Ohne die Gelegenheit zu einer erholsamen Pause und ohne ein Fahrvideo machen zu können erreichte ich schließlich das Exmoor White Horse Inn, das seit dem 16. Jahrhundert existiert und meine heutige Destination ist. Mein Motorrad parkte ich direkt vor dem Eingang zum Nebengebäude, in dem sich mein Zimmer befindet und ließ erst mal das Gepäck, wo es war. Der Regen sollte den gröbsten Schmutz abwaschen, bevor ich mich ans Entladen machte. Das klappte auch leidlich.

Beim Check-in offerierte mir die Rezeptionistin auf Nachfrage Kaffee und Kuchen in der direkt angrenzenden Bar, was ich gerne annahm. Der Herr hinter dem Tresen bereitete geschäftig meinen White Coffee zu, während er mir im Duktus an James, den Butler aus „Dinner for One“, erinnernd, die Vorzüge des „fruit cake“ schilderte: „It is the best fruit cake I ever had, Sir. Very fruity and very moisty. This is a very good choice indeed, Sir, a very good choice.“ Unrecht hatte er nicht, denn der Kuchen war echt lecker, erinnerte ein wenig an das Früchtebrot, das es bei uns in der Adventszeit zukaufen gibt, nur wesentlich lockerer und ohne Feigen.

So gestärkt und besserer Laune (nicht, dass sie vorher schlecht gewesen wäre) ging ich meine üblichen weiteren Tätigkeiten an: Entladen, Gepäck aufs Zimmer bringen, nasse Klamotten aufhängen, Helmvisiere reinigen, …

Das Chili con Carne zum Abendessen war schön scharf, wenig würzig und ziemlich tomatig, aber durchaus essbar. Vor allen Dingen war es frisch, weil es der Barmann heute Abend erst auf die Tafel geschrieben hatte.

Fazit des Tages: Schlechtes Wetter macht das Fahren noch anstrengender, aber das gehört ja irgendwie auch dazu. Die zwei Tage Schneesturm bei Minusgraden in Schottland letztes Jahr waren schlimmer. Die volle Konzentration beim Fahren hindert mich bis lange nach der Ankunft an meinem jeweiligen Ziel daran, mir irgendwelche Gedanken oder gar Sorgen zu machen. Der Kopf ist wie leergepustet und es fällt schwer, überhaupt an Dinge zu denken. Mentalen Urlaub nennt man das wohl.

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