Wick - Strathy
Nach dem Frühstück, das aus den Resten meiner Einkäufe bestand, machte ich mich bei anfangs noch bedecktem Himmel auf gen Norden. Die drei Castles, die ich auf dem Weg nach John O‘Groats passierte, waren wieder Ruinen bzw. bessere Steinhaufen, teils nur von der Straße aus in der Ferne zu sehen und kaum zu Fuß geschweige denn fahrend zu erreichen. Die Luft roch nach Meerwasser und Tang, ein kräftiger Wind pfiff über den meist flachen Küstenstreifen.
In John O‘Groats angekommen musste ich mich ob der zahlreichen touristischen Attraktionen (Cafés, Restaurants, Souvenirshops, Whiskybrennerei, Karaokebar usw.) erst mal orientieren. Den weißen Pfosten mit den Entfernungsangaben wollte ich, ungeachtet seiner zahllosen fotografischen Veröffentlichungen auf ebenso zahllosen Social Media-Plattformen, doch gerne auch selber auf Zelluloid gebannt haben.
Eine handvoll älterer Engländer stand um den Pfosten rum, fotografierte sich gegenseitig, und tauschte dann Reiseerlebnisse in epischer Breite untereinander aus. Allerdings ohne sich vom Fleck zu bewegen. Ich schaute mir das Treiben etwa zehn Minuten lang amüsiert an, bis die Herrschaften meine Anwesenheit zu bemerken schienen und einander (Oh, I suppose somebody else wants to take a picture here) wenigstens dazu aufforderten, einige Schritte zur Seite zu gehen. Wenn‘s einem nur mal so nicht wird!
Von John O‘Groats aus kann man direkt auf die Orkney-Inseln blicken und es geht die Mär, dass man bei gutem Wetter sogar die Shetlands sehen kann. Das verbuche ich mal unter der Kategorie Seemannsgarn, denn die sind nun wirklich eine ganze Ecke weg; es war ein klarer und herrlicher Tag, aber gesehen habe ich sie nicht. Vielleicht fehlte mir auch nur der Glaube.
Bei einem Rundgang bewunderte ich die ganz offensichtlich auf große bis sehr große Reisegruppen ausgelegte Lokalität mit ihren unschlagbaren Angeboten, um mich anschließend mit einem Kaffee und einem Sandwich in der Sonne zu stärken.
Das Duncansby Lighthouse gönnte ich mir dann auf der Weiterfahrt in Richtung Dunnet Head, dem tatsächlich nördlichsten Punkt Schottlands, ebenfalls mit einem Leuchtturm ausgestattet. Auf dem Parkplatz dort oben hat wohl Nancy Pelosi, die amerikanische Politikerin, nach der verlorenen Präsidentschaftswahl in den USA ein neues Business aufgezogen. Sie selbst verkaufte leider kein Eis, aber ihr Vertreter war sehr freundlich, wenn auch schwer zu verstehen. So viel konnte ich seinem schottischen Englisch allerdings entnehmen, dass er mich vor den Preisen im Norden warnen wollte (wobei wir uns ja schon im Norden befanden). Das Benzin sei doppelt so teuer, die Restaurants und Hotels dünn gesät, aber ebenfalls überteuert – kurz: Die übertreiben es dort, weil sie keine Konkurrenz haben. „Vielleicht müssen die Menschen dort auch einfach mehr Geld nehmen, weil sie in nur drei Monaten ihr Auskommen für das ganze Jahr finanzieren müssen und der Transport der Güter bis in die entlegenen Ecken des Landes einfach mehr Geld kostet“, gab ich zu bedenken. „Jaja, das mag schon sein. Aber trotzdem!“, entgegnete er mir.
Einen herrlichen Rundumblick hat man vom Viewpoint, der nur wenige hundert Meter hügelaufwärts vom Parkplatz zu finden ist. Ein wenig „Ende-der-Welt-Gefühl“ kam hier schon auf, mit dem grünen Land im Rücken und dem endlosen blauen Meer vor den Augen.
Der weite weiße Strand von Dunnet Beach ein paar Kilometer weiter beeindruckte mich so nachhaltig, dass ich gleich wieder die Kamera rausholen musste. Wäre die Temperatur nicht gewesen, sowohl Luft- als auch Wasser-, hätte ich leicht bekleidet in die Fluten rennen können. Karibisch der Anschein, aber leider zu kalt alles.
Am Reay Gold Club direkt am Meer machte ich später nochmal eine Kaffeepause, denn ich hatte es ja nicht eilig. Gut, dass ich meine Tagestouren so geplant hatte, dass ich mehr als genug Zeit für solche ungeplanten Stopps hatte. Hier war nicht viel los und der Barkeeper hatte angesichts der wenigen Gäste genügend Zeit, die neuesten Nachrichten aus seinem sozialen Umfeld auf seinem Smartphone zu checken.
Die Küste entlang und an einigen kleineren Stränden vorbei näherte ich mich meinem heutigen Ziel, dem Strathy Inn. Das ist ein winziges Etablissement (zwei Zimmer, ausgebucht) in einem ebenso winzigen Kaff, geführt von einem sehr netten Ehepaar, das die lokale Bar und das Restaurant mit Liebe betreibt.
Mein Zimmer Nummer 1 liegt direkt neben dem Frühstücksraum, kurze Wege sind also garantiert.
Fazit des Tages: Sehr schöne Landschaft, beeindruckende Strände und vor allen Dingen die Stellen, die nicht in den Reiseführern stehen, sind die besten.