Troon - Brodick - Corrie

Frühstück um sieben Uhr ist einfach nicht mein Ding. Ich zwang mich, das Bratwürstchen, das Rührei und den Toast zu essen, was mir mit zwei Gläsern Orangensaft und einer Tasse schlechten Kaffees gelang. Dann schnell die Sachen aufs Motorrad gepackt und nach Troon zur Fähre gefahren.

Natürlich war ich, wie einige andere Passagiere, sehr früh dran, durfte mich ganz vorne hinstellen und warten. Dann rutschte mir das Herz in die Hose! Ich sah nämlich, dass zwar die beiden Satteltaschen ordnungsgemäß befestigt waren, die Tasche auf dem Gepäckträger mit meinen Sachen für jeden Tag aber nicht. Die lag einfach nur komplett unbefestigt auf dem Gepäckträger. Ciel, mes bijoux! So war ich die 25 Kilometer teils auf der Schnellstraße bei 80 km/h hierher gefahren. Und das Ding lag immer noch da. Natürlich lief das Kopfkino an, was alles hätte passieren können: unterwegs verloren, nicht mehr wiedergefunden, die Fähre verpasst, und so weiter. Oh Mann, ey! Ich konnte mein Glück kaum fassen. Also schnell ordentlich befestigt und die schlimmen Gedanken verdrängt.

Neben mir hielt ein Schotte auf seinem Monster-Motorroller und wir kamen ins Gespräch, bevor wir aufgefordert wurden, auf die Fähre zu fahren. Los ging‘s in Richtung Arran. Während der gesamten Überfahrt standen wir (der Schotte und ich) an der Reling und quatschten. Das schien auch dem Autochthonen Freude zu bereiten. Nach gut eineinhalb Stunden näherten wir uns unserem Fahrziel, der Isle of Arran. Der Schotte fuhr nach rechts, ich fuhr nach links, meinen ersten Haltepunkten entgegen.

Leider endete der Weg zu den Glenashdale Falls mal wieder an einer – zumindest für mich – unbefahrbaren Strecke. Von dort sollte es noch einen Kilometer weiter über einen schmalen sehr grob besteinten Weg bis zu den Wasserfällen gehen, aber das hab ich mir nicht gegeben. U-Törn – und weiter ging‘s zum Kildonan Castle.

Das liegt einigermaßen versteckt hinter mal wieder privaten Grundstücken, war aber zumindest über einen Trampelpfad zu umlaufen. Ein Kasseler Passat war natürlich bis auf das private Grundstück gefahren und die beiden Insassen fragten mich, in Sichtweite und nur etwa 20 Meter davon entfernt, wo es denn hier zum Castle ginge.

Da waren die Silver Sands zwei Minuten weiter schon einfacher zu finden. Auf der Bank oberhalb der Bucht ließ ich mich nieder und schaute über Strand und Meer hinüber zu der kleinen Insel mit dem Leuchtturm.

Die Eas Mor Wasserfälle habe ich leider nicht gefunden, nur gehört. In einem wegen extrem dichter Vegetation unerreichbarem Tal gelegen gab es keinen Weg oder Pfad als Zugang. Schade. Stattdessen, es ging auf zwölf, gönnte ich mir im Café an der Wegkreuzung ein kalorienreiches zweites Frühstück. Ein sehr nettes Plätzchen, wenn auch reichlich von Touristen mit Hunden frequentiert, die einander anbellten (also die Hunde, nicht die Touristen).

Die gesamte Rundfahrt um Arran ist ja gerade mal knappe hundert Kilometer lang. Der nächste Stopp war daher auch nicht weit: die Lagg Distillery. Direkt mit dem Meer vor der Tür ist die Lage nicht zu verachten. Man könnte auch sagen, die Destille liegt am AdW, weil es ringsum nichts, aber auch gar nichts gibt. Warum entscheidet man sich dazu, gerade an einer solchen Stelle Whisky zu brennen? Vom Blick mal abgesehen, denn der kann ja wohl nicht entscheidend gewesen sein. Oder doch? Wie auch immer. Ich sah mich im Shop um und konnte nicht umhin (der junge Mann dort ist schuld), eine besondere Sorte zu probieren. „Nur ein Tropfen auf den Lippen“, meinte der Knabe, und gab mir einen Winzbecher mit wirklich nur ein, zwei Tropfen darin zur Verkostung. Schon der Duft haute mich um: in Côte Rôtie-Fässern gereift! Dieser Rotwein aus Frankreichs Süden ist teurer als der Whisky, der hier verkauft wird. Langer Rede kurzer Sinn: Ich erstand ein kleines Fläschchen davon (das war das zweite von links, das in der Reihe auf dem Foto fehlt). Die 30£ dafür verschweige ich hier mal lieber.

In der Gemeinde Blackwater gibt es ein Café und eine Bäckerei, das Blackwater Bakehouse. Lokale Manufaktur, im Falle des Bakehouse wieder mal ein „Honesty Shop“. Direkt daneben plätschert ein Flüsschen unter einer Brücke hindurch dem Meer entgegen. Die Küstenstraße war schön zu fahren und bot einen herrlichen Blick nach links über das Meer und nach rechts über die grüne Landschaft. Wiederum nur ein paar Kilometer weiter (ja, ein Stopp jagt den nächsten; die Insel ist halt klein) hatte ich zum zweiten Mal an diesem Tag großes Glück. Am Seal Viewpoint sonnten sich tatsächlich die Robben im Wasser auf den Felsen.

Nach diesen fetten Säugetieren war mal wieder ein Steinkreis fällig: der Auchagallon Stone Circle. Unscheinbar, weil nicht ausgebuddelt, stehen diese Steine seit etwa 4000 Jahren zwischen Schafweide (heute) und Meer (wohl schon damals).

Die Lochranza Distillery gehört zusammen mit der in Lagg, wo ich das Fläschchen gekauft hatte, zur selben Firma. Deshalb schaute ich mir nur den Shop und die Destille an, ohne weiteren Kauf. Da kannst du Geld loswerden ohne Ende. Von der Zipfelmütze über Schmuck, Anhängern aus Tweed und Poloshirts bis zum eigentlichen Produkt wird hier alles feilgeboten.

Ein Blick auf mein Telefon verriet mir: Nur noch zwölf Kilometer bis zu meinem Hotel. Die Insel ist wirklich „voll winzig, ey!“. Am Corrie Hotel angekommen checkte ich ein und setzte mich direkt in den Biergarten mit Meerblick. Bevor ich auspackte brauchte ich erst einmal etwas Flüssigkeit.

Die Trauergesellschaft, die bereits am Morgen mit mir auf der Fähre war, hatte sich hier niedergelassen. Etwas später wurden sie vom Bus abgeholt, um nach Hause zu kommen. Fahren konnte (bzw. durfte) von denen keiner mehr.

Fazit des Tages: Die Isle of Arran gilt als Miniaturausgabe Schottlands. Das kann ich bestätigen. Alles da (sogar das Halleluja): Küste, Berge, Wälder, Strände, Wasserfälle (so man sie findet). Wer also nur zwei Tage für Schottland Zeit hat fährt eine große Acht über die Insel und hat alles gesehen. Die Dame heute morgen im Hotel warnte vor den vielen Midges auf der Insel. Wie die Rezeptionistin vor ein paar Tagen hatte auch sie keine Ahnung, davon aber reichlich.

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