Oban - Glasgow

Die letzte Woche in Schottland ist angebrochen. Kaum zu glauben, dass drei Viertel meiner Reise schon vorbei sein sollen. Da trifft es sich gut, dass ich den heutigen Tag in aller Ruhe angehen kann, weil nur wenige Kilometer mit ein paar „Anhaltspunkten“ (richtiger wäre wohl: Anhaltepunkten, aber die sind nicht so doppeldeutig) vorgesehen sind.

Bei immer noch reichlich Sonne ging es gegen zehn Uhr von Oban aus los in Richtung Landesinnerem. Die Landschaft wurde immer grüner und baumbestandener, ganz anders noch als im Norden oder auf den Inseln. Zuvor hatte es noch einen inneren Kichermoment gegeben. Als es sich nach dem Frühstück verabschiedete und ich auf Deutsch einen schönen Tag wünschte fragte das Siegburger Ehepaar von Zimmer 5: „Ach, dann sind Sie das wohl mit dem historischen Motorrad aus Mainz?“.

In „Cruachan, The Hollow Mountain“ am Loch Awe machte ich eine spontane Kaffeepause. Was gut war, denn sonst hätte ich dieses interessante Projekt verpasst. Die „Cruachan Power Station“ gewinnt elektrische Energie laut Informationstafel in einer Höhle, die in einem Kilometer Tiefe liegt und die Wasserkraft dort per Turbinen in Elektrizität wandelt. Sowas bereitet mir immer große Freude und nötigt mir gehörigen Respekt ab.

Das Kilchurn Castle bewunderte ich bei einem Abstecher von der Hauptroute von der Straße aus. Der Fußweg dorthin, wieder mal über eine abgezäunte Schafweide und ohne geeigneten Parkplatz für mein Motorrad, erschien mir doch übertrieben. An jener schmalen Haltegelegenheit am Straßenrand stoppte ein mit drei älteren Herrschaften (so ungefähr in meinem Alter, vielleicht auch jünger) besetzter PKW aus Unna. Der Fahrer kam auch sofort auf mich zu und fragte, ob es Probleme mit dem Motorrad gebe. Gab‘s natürlich nicht. Er wusste trotzdem noch ein paar seiner Meinung nach gute Ratschläge anzubringen und trollte sich. Immerhin nett gemeint. Aber warum haben solche Leute immer Mundgeruch?

Der Westhighland Way, mein nächster vorgesehener Stopp, war mal wieder für die Füße oder auch andere Körperteile, denn er sollte von der Straße ab und durch die Felder gehen. Im großen Hof eines Anwesens war dann aber Schluss und ich drehte kurzerhand um.

Besser sah es schon am „An Cean Mòr“ aus. Hier begann der lange Weg in Richtung Glasgow am Wasser entlang durch den „Loch-Lommond-and-the-Trossacs-Nationalparc“. Der Himmel hatte sich mittlerweile weiter zugezogen und die ersten Regentropfen aus den aus östlicher Richtung anfliegenden Wolken fielen. Die A82 in Richtung Glasgow führte ab dort immer am Loch Lommond entlang, von dessen Beginn viele Wanderwege abzweigten. Auch hier gab es ein Wasserkraftwerk, allerdings oberirdisch (nicht überirdisch, wie ich beinahe geschrieben hätte).

Auf der zweispurigen Straße war viel los: PKW, LKW, Busse und Wohnmobile hatten es eilig. Wenn so ein vollbeladener Muldenkipper bei 80 km/h auf kurvenreicher Strecke an deinem Hinterrad klebt, siehst du besser zu, dass du Land gewinnst. Ich ließ sie alle passieren, sobald möglich – dazu wich ich mehrfach auf Parkplätze aus –, und fuhr weiterhin gemütlich am Loch entlang, manchmal näher dran, manchmal etwas davon entfernt, aber immer in Sichtweite.

Am „Loch Lomond Viewpoint“ hielt ich auf einen Espresso und einen Hot Dog an. Es tröpfelte weiter und ich setzte mich zu einem jungen Mann an den Tisch unter einem Schirm. Wir kamen ins Gespräch und so erfuhr ich, dass er Kanadier aus der Provinz Quebec ist und nach einem Arbeitseinsatz in Dublin noch zwei Wochen Schottlandurlaub drangehängt hat. So parlierten wir abwechselnd in Englisch und Französisch über seine Pläne, meine Motorradreise und den ganzen Rest. Das hat eine gute Stunde gedauert und war sehr unterhaltsam.

Nachdem der leichte Regen aufgehört hatte kamen die Midges. Die kannte der Knabe nicht und ich erklärte ihm erstmal, was das für lästige Biester sind. Das merkte er allerdings schnell, denn die ließen uns nicht in Ruhe. Auch wenn es nicht sehr viele waren schlug er doch mit seiner Kappe um sich, denn die Bisse dieser winzigen Plagegeister konnte man schon spüren. Ich dachte mir: „Na endlich. Die haben mir für meine Schottlanderfahrung noch gefehlt“, denn bis dahin hatte ich keinerlei Kontakt mit ihnen gehabt. Und von wegen: Die Langzeiteinnahme von Vitamin B12 vor Reisebeginn und währenddessen hilft dagegen. Kein Stück! Alles Seemannsgarn.

Den Rest der Strecke bis zu meiner heutigen Unterkunft fuhr ich weiter gen Glasgow auf der A82, die teils zwei-, teils vierspurig ist. Mit dem Motorrad nicht schön zu fahren, aber immerhin unbeschwert, weil mich alle in Ruhe überholen konnten. Je näher ich Glasgow kam umso dichter wurde der Verkehr, und die Anzahl der Kreisverkehre erhöhte sich. Ein Tankstopp noch (erstaunlicherweise ist das Benzin in der Nähe der Stadt ein paar wenige Pence billiger als außerhalb) und ich erreichte mein heutiges Tagesziel, das Hotel „The Titan“.

Endlich wieder in der Zivilisation: Die abgeranzte Niederlassung einer Hotelkette mit Bar und Restaurant, Flecken an den Decken und Löchern in den Wänden. Immerhin verkehrsgünstig direkt an der Umgehungsstraße gelegen, mit entsprechender akustischer Hintermalung. Aber was will man für 65£ pro Nacht (weniger als die Hälfte meiner bisherigen kleinen Unterkünfte) schon erwarten. Immerhin ist das bisschen Regen vorüber gezogen und die Sonne scheint wieder nach Kräften. Das Abendessen entsprach dem gesamten Rahmen: Für dieses 8-oz-Rumpsteak hätte kein Rind sterben dürfen.

Fazit des Tages: Mit den Midges hat sich meine Schottlanderfahrung endlich komplettiert. Unverhoffte Unterhaltungen können gerne über eine Stunde dauern. Und ein Tag mit wenig Fahrstrecke ist auch mal ganz schön. Weil ich seit über zwei Wochen Schmerzen vor allen Dingen im linken Unterarm verspüre habe ich beim Stopp am Loch Lomond den Lenker und die Kupplung neu eingestellt. Scheint sich bisher zu bewähren. Peiler-Slogan.