Oban - Fionnphort
Die Isle of Mull ruft. Nach einem frühen Frühstück war ich sehr rechtzeitig an der Fähre, die um 9:45 Uhr abfuhr und rappelvoll war. Der Fahrkartenkontrolleur kam lippenleckend auf mich zu, fuhr sich mit dem Handrücken nochmal über den Mund und stöhnte: „Wow – THAT is a motorbike!“
Gemächlich schob sich das Schiff auch aus dem Hafen zwischen die vorgelagerten Inseln und auf See hinaus. Hier gibt es eine Menge kleiner Inseln, die meist unbewohnt und in einigen Fällen mit einem Leuchtturm bestückt sind. Als wir uns der Isle of Mull über den Firth of Lorn näherten, konnte ich schon mal einen Blick auf mein erstes Fahrziel werfen, das Duart Castle.
Der Zielhafen Craignure besteht aus allem, was zu einem ordentlich Hafen dazu gehört: die Hafenanlagen, eine Touristeninformation, ein paar Läden und ein, zwei Bars/Restaurants. Mehr ist da nicht.
Weil ich am frühen Morgen zwei sich widersprechende Textnachrichten von der Fährgesellschaft bekommen hatte, die mir meine Rückfahrt für morgen sowohl für 17 Uhr als auch für 19:45 Uhr bestätigten, begab ich mich erst mal zum Hafenbüro. Die Dame dort verstand das auch nicht, bestätigte mir aber, dass ich für die Fähre um 17 Uhr fest gebucht sei. Wir werden sehen.
Nur ein paar Minuten Fahrzeit vom Hafen entfernt steht also das Duart Castle. Von der Seeseite her macht es meiner unmaßgeblichen Meinung nach einen noch imposanteren Eindruck. War seinerzeit auch so beabsichtigt, mutmaße ich. Aber der Blick von hier oben ist nicht ganz verkehrt.
Als nächstes wollte ich ja zu den Loch Buie Standing Stones fahren, wieder mal Hinkelsteine, die in irgendeiner Anordnung in der Gegend rumstehen. Bis auf etwa 350 Meter kam ich an sie heran. Nach rund zwölf Kilometern über eine sehr schöne und sehr schmale Single Track Road mit zum Teil pinkfarben blühenden Hecken an beiden Straßenseiten quasi angekommen, stand ich vor einem geschlossenen Gatter. Der sehr grobe Schotterweg, über den ich auf den letzten 500 Metern mehr geholpert und gerutscht als gefahren war, endete hier und ging in einen Fußpfad über, der über ein Privatgrundstück führte. Na toll! Wenigstens gab‘s ein anderes altes Gemäuer direkt an der Abzweigung. Und was war‘s? Natürlich wieder ein Schloss. Immerhin war das Moy Castle noch teilweise als solches zu erkennen. Also unverhofft doch noch was Nettes gesehen.
Also ging es erst mal wieder die zwölf Kilometer Single Track Road zurück, denn mit dem Castle am Wasser endete auch die Zufahrtstraße. Nachdem ich auf eine weitere Single Track Road in Richtung meines heutigen Zieles abgebogen war, ist mir zum ersten Mal so richtig bewusst geworden, dass es auch bei diesen Straßen unterschiedliche Kategorien gibt, sozusagen A-, B- und C-Single Track Roads. Die A-Roads sind gut ausgebaut, mit meist gutem Straßenbelag und vielen Ausweichstellen. Kein Problem, hier mit dem Motorrad auch ohne „Passing Point“ an einem PKW vorbeizukommen. Auf den C-Roads haben manchmal zwei einander entgegenkommende Radfahrer Probleme. Die B-Roads liegen irgendwo dazwischen und stellen eigentlich auch keine Herausforderung dar, es sei denn, es kommen einem Touristen entgegen.
Am Three Lochs Viewpoint glänzte ein Loch durch Abwesenheit. Ich konnte nur zwei entdecken. Hätte es in den vergangenen zwei Wochen geregnet, wäre der braunschwarze Tümpel davor vielleicht auch zum Loch mutiert. Und wenn meine Oma Räder hätte wäre sie ein Omnibus. Immerhin rief ein Kuckuck (!) in der Ferne.
Die Loch Beg Bridge wiederum, etwas abseits der „Hauptverkehrsstraße“ (aka Single Track Road – siehe oben) gelegen, war wiederum ein lauschiges Plätzchen. Das Flüsschen, über das sie sich spannt, murmelte fröhlich vor sich hin. Ein paar Minuten blieb ich sitzen und schaute dem friedlichen Treiben zu, bevor es weiter in Richtung Fionnphort ging.
Auf dem Weg dorthin hielt ich in einem winzigen Örtchen, das immerhin über zwei nebeneinander liegende SPAR-Läden verfügt. SPAR (gibt‘s bei uns irgendwie so gar nicht mehr) scheint die Versorgung der entlegenen Gebiete in Schottland übernommen zu haben. Das war mir auf meiner Reise schon häufiger aufgefallen. In dem einen Laden gab‘s Kaffee und einen Schokoriegel, und mit dem Besitzer unterhielt ich mich immerhin eine gute Dreiviertelstunde über Motorräder und so‘n Scheiß. Dann musste er sich um zwei ältere Kundinnen kümmern; die eine kaufte Hundesnacks im Angebot, die andere ein Deo und zwei Flaschen Bier – so viel zur Breite des Angebots.
Kurz vor Fionnphort tankte ich noch bei einem ölverschmierten Opi (die einzige Tankstelle in 40 Meilen Umkreis). Er füllte meinen Tank gewissenhaft um 9,5 Liter auf. Das war deshalb so wichtig, weil das leichter zur rechnen ist als 9,3. Er multiplizierte nämlich auf einem Zettel den Literpreis mit der gezapften Menge, um mir den Gesamtpreis nennen zu können. Schade, dass keine zehn Liter reingepasst haben, das wäre einfacher gewesen. Aber voll ist voll. Die Zahlung lief dann aber wieder modern und kontaktlos ab, nachdem er nach mehreren Versuchen den richtigen Preis in sein Maschinchen eingegeben hatte.
Der Ort hier liegt mal wieder am Ende von irgendwas, wo es nicht weiter geht. Sowas mag ich ja gerne. In diesem Fall ist es die Südwestspitze der Isle of Mull, und danach ist Ende. Nur auf die direkt vorgelagerte Insel Iona kann man von hier aus noch fahren. Die Fähre geht alle Stunde, so nah ist das.
Fazit des Tages: Die Isle of Mull hat etwas sehr sanftes, liebreizendes. Die Geländeformationen sind zwar ähnlich wie bisher auf „Scottish Mainland“, aber eben nicht so schroff und hart. Das Omega-Hoch über Europa darf gerne noch zwei Wochen halten. Mein Zimmer hier hat, wie auch schon gestern in Oban, ein ausgelagertes Privatbad und ist mithin kein „ensuite“ (on sweet, wie sie her sagen). Wieder sowas französisches hier in Schottland. Und gegenüber meiner Behausung ruft schon wieder ein (der?) Kuckuck. Irgendwie schräg.