Newcastle - Hawick
Eine Stunde gewonnen oder eine verloren? –Wie auch immer: Die Fähre legte pünktlich um 9:15 Uhr UK-Time an und ich fuhr direkt durch zahllose Kreisverkehre raus aus Newcastle. So lange es einigermaßen geradeaus ging, war der Linksverkehr kein Problem. In den Kreiseln kam ich aber am Anfang auf der Suche nach der richtigen Spur durcheinander und verpasste die eine oder andere Ausfahrt. Nun ja, Umwege verbessern die Ortskenntnis.
Schon bald war ich auf kleinen Straßen unterwegs, und auch die erste Single Track Road wartete auf mich. Herrlich!
Was mir auffiel waren die vielen fliegenden Insekten unterwegs. Bei den geringen Geschwindigkeiten, die hier nur möglich sind, fahre ich gern mit offenem Visier, um möglichst viel Frischluft abzubekommen. Das ließ ich aber sehr schnell, weil sich allerhand Getier in meinem Helm ansammelte. Entsprechend sieht das Visier heute Abend aus: Gepflastert mit Leichen!
Erster Stopp war Carter Bay, der Grenzstein zwischen England und Schottland. Der erste Reisebus aus Peine war auch schon von der Fähre bis hierher gekommen, also wieder Nasenalarm. Der mobile Souvenirverkäufer freute sich und machte offenbar gute Geschäfte.
An der Imbissbude erstand ich einen erstaunlich guten Kaffee und einen ebensolchen Cheeseburger. Dem Haggis hier traute ich nicht wirklich über den Weg. Das harleyfahrende Ehepaar aus Passau, das ich schon auf der Fähre kennengelernt hatte, war natürlich auch da. Die Pause war lang und gemütlich, „I kept calm“, denn ich war ja nun in Schottland.
Nach einer knappen Stunde fuhr ich weiter nach Jedburgh, wo es die gleichnamige Abtei zu besichtigen gibt. Leider sind dort Restaurationsarbeiten im Gange, weshalb einige Bereiche durch unschöne Bauzäune abgesperrt waren. Wie an sehr vielen sehenswerten Stellen oder Gebäuden wies auch hier am Eingang (ich zahlte mit 6£ den 65+-Eintrittspreis) ein Schild darauf, dass Drohnen verboten sind. Da muss ich halt improvisieren. Nicht dass ich eine Drohne besäße. Aber so konnte ich Aufnahmen machen, die man sonst nicht hinbekommt.
Im angrenzenden Café gönnte ich mir einen großen Cappucino – und wer saß da schon wieder? Die Passauer Harleyfahrer. Wir plauderten noch ein bisschen, sie verabschiedeten sich, und ich kam ins Gespräch mit anderen (schottischen) Motorradfahrern und dem einen oder anderen einheimischen Hundebesitzer, dessen Tier interessiert an meiner Hose schnupperte (Micki ließ wohl grüßen).
Von Jedburgh waren es nur noch wenige Kilometer und noch weniger Meilen zu meiner heutigen Unterkunft „The Auld Cross Keys Inn“, die mich im Eingangsbereich mit einem sehr vertrauenerweckenden Statement begrüßte.
Mein Motorrad stellte ich auf dem hoteleigenen Parkplatz ab und schritt, weil ich den rückwärtigen Hoteleingang nicht fand, durch einen herrlich britisch anmutenden Saal voller Tische mit Bridge-spielenden älteren Damen. Die waren so konzentriert: Ich glaube, die haben mich nicht mal bemerkt.
Nach einem kurzen Spaziergang durch die winzige Ortschaft (ich stieß mehrfach an die Bebauungsgrenze) konnte mir der Nepalese an der Bar leider kein Local Beer empfehlen, weshalb ich diese Zeilen bei einem Guiness im Beer Garden schreiben muss. Man hat‘s aber auch schwer!
Auf den Nepalesen schließe ich, weil es hier einige nepalesische Gerichte im Angebot gibt. Überhaupt sind mir in diesem Etablissement bislang ausschließlich Asiaten untergekommen. Die haben hier sogar ein „Pensioner Fish and Chips – No ID-Card control“ für 7,50£ auf der Karte. Soll ich das ordern? Auf Empfehlung des nepalesischen (?) Kellners bin ich dann doch bei einem Nepal Lamb Curry with Rice (that’s my favourite, sprach er) gelandet. Chön charf und saulecker. Vielleicht klappt es dann morgen mit local drinks and food.
Kleine Anekdote am Rande: Während ich aß kam ein reichlich tätowiertes Paar mit zwei (noch) nicht tätowierten, dafür offensichtlich übergewichtigen Kindern ins Restaurant. Als der Kellner den Hund erblickte, den sie dabei hatten, verfrachtete er sie mit der Bemerkung „No dogs“ vom parkett- in den grün-blau-karierten teppichbodenausgelegten Teil. Sehr tierliebe Menschen hier.