Invergordon - Wick
Der neue Tag begrüßte mich mit strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel. Das Tucker‘s Inn verließ ich gegen halb zehn nach einem schmalen Frühstück. So viel, wie einem hier serviert wird, kann ich gar nicht essen. Also auf zu meinem ersten Tagesziel, der „Meerjungfrau des Nordens“. Das ist eine Plastik, die ein paar Kilometer weiter nördlich direkt am Ufer platziert wurde. Die Fahrt dorthin war schön und abwechslungsreich.
Die östliche Küste Schottlands ist zwar nicht so spektakulär wie die nördliche oder westliche, aber es war schön zu fahren. Es ging durch weite Felder, wo mittendrin ein strammer Meister Lampe saß und offenbar darüber nachdachte, welches der saftigen Kräuter er als nächstes verspeisen sollte. Im Vorbeifahren hupte ich ihm freundlich zu und zack – standen seine Löffel senkrecht.
Zu der Meerjungfrau gibt es eine schöne kleine Geschichte. Während ich die in die Kamera erzählte gesellte sich eine neugierige Möwe zu mir. Auch der früher zahlreich gefangenen Fische, hier wohl Lachse, wurde mittels einer Plastik gedacht.
Die Sonne und das schöne Wetter begleiteten mich auch auf dem Weg zu meinem nächsten Ziel, dem Leuchtturm bei Tarbat Ness. Der steht auf einer Landzunge, die den nördlichen Rand eines „Glen“ markiert, der sich schräg durch die Highlands zieht. Sehr abgelegen und deshalb umso interessanter für mich.
Also folgte ich dem Trampelpfad direkt ab dem Parkplatz und kämpfte mich durch den wilden Wuchs des Stechginsters(?). Ich weiß nicht, ob der so heißt, meine Frau kann ich nicht fragen, denn die wüsste das bestimmt. Aber gelb wie Ginster waren die Pflanzen und gestochen haben sie auch. Aber nach wenigen Minuten kam ich dann doch noch zu meinem eigentlichen Ziel. Der Leuchtturm selbst steht natürlich nicht ganz am Ende der Landzunge, weshalb ich noch ein paar Schritte weiter gehen konnte, praktisch bis ganz an die Spitze.
Nach einigen Augenblicken der Kontemplation, die übrigens sehr gut tat, machte ich mich auf den weiteren Weg in Richtung Wick, meinem heutigen Tagesziel. Weil ich nicht die ganze Zeit über an der Küste auf gut ausgebauter Straße fahren wollte, auf der mich die Einheimischen immer mit Karacho überholten, bog ich ins Landesinnere ab, weiter auf der Moray Firth Tourist Route fahrend. Wunderschöne Strecke, viele Kurven, und zumindest in meiner Richtung kein Mensch unterwegs.
In Lairg, einem kleinen Städtchen, machte ich im „The Pier“ eine ausgedehnte Mittagspause. Der Name ist Programm, denn ein Pier, also eine Anlegestelle hinter dem Gebäude, gehört dazu. Der Blick über den Loch (See) und die Landschaft war sowas von beruhigend. Natürlich wählte ich einen Tisch draußen, denn das Wetter war noch (!) danach, obwohl ich auf der Fahrt hierher schon ein bisschen gefroren hatte. Die spärlichen Sonnenstrahlen machten es jedoch möglich, die Zeit hier zu genießen. Zum Mittagessen gab es einen Oma Freddy-Gedächtnistoast: Thunfisch mit Käse. Selbst auf der Toilette ist man nicht vor dem speziellen britischen Humor gefeit; natürlich hielt ich mich an die Anweisungen und spülte weder Hoffnungen noch Träume runter.
Das Dunrobin Castle, ein weiteres „Must see“ auf meiner Strecke, verlangte mal wieder 13,50£ Eintritt für 60+-Senioren, die ich mir aber sparte. Der Himmel hatte sich immer weiter zugezogen und es war empfindlich kalt geworden. Da wollte ich nicht noch lange durch das Schloss, seine Gärten und seine Falknerei streunen, sondern lieber meinem Ziel näher kommen. Immerhin waren noch ein paar Kilometer zu fahren. Der neben dem Eingang feilgebotene Gin aus der hauseigenen Destille klang zwar verlockend, aber weder ein Glas zum Probieren noch eine Flasche zum Mitnehmen reizten mich. Auch hier, wie schon an anderen Stellen, erstaunte mich die Frankophonie der Schotten. Immer mal wieder gab es einen französischen Namen, Begriff oder auch eine Umschreibung in der Sprache der Normannen zu lesen.
Der „Latheronwheel Harbour“ hatte auch schon bessere Tage gesehen. In manchem Reiseführer gehypt machte er auf mich nur einen trostlosen Eindruck. Lag vielleicht auch am Wetter, das mittlerweile ziemlich grau und kalt daherkam, und zudem herrschte Ebbe. Der gemeine Wiener hätte an der Morbidität dieser Lokalität allerdings wohl seine helle Freude gehabt. Die in den Felsen brütenden Möwen rissen es auch nicht heraus. Also flugs auf die letzte Etappe in Richtung Wick. Die Temperatur war mittlerweile nur noch einstellig, und so brummte ich zähneklappernd meinem Glamping-Pod entgegen.
Eigentlich war die Eincheckzeit erst um 19 Uhr, aber ich wollte halt erstmal sehen, wo das Ding denn so liegt, und bin direkt hingefahren. Später kam noch der Besitzer vorbei, der eigentlich kontrollieren wollte, ob seine Putze ordentlich gearbeitet hat, bevor der nächste Gast kommt. Ich hatte den Eindruck, er war etwas ungehalten darüber, dass ich schon da war. Der deutsche Rentner drängelt sich in der Warteschlange halt gern mal vor. Aber als ich ihm versicherte, dass alles zu meiner Zufriedenheit sei und er sich gerne persönlich davon überzeugen dürfe, zog er wieder ab.
Also schnell meine Sachen vom Motorrad in das Häuschen gebracht, denn ich musste ja auch noch nach einem Abendessen usw. Ausschau halten. Eine knappe halbe Stunde lief ich in die Innenstadt von Wick, kam an zahlreichen geschlossenen (viele davon wohl definitiv) Etablissements vorbei und hatte Mühe, einen Laden und ein Restaurant für‘s Abendessen zu finden. Es machte alles einen trostlosen Eindruck und ich hoffe, dass es morgen besser wird.
Hatte ich eigentlich schon mal bemerkt, dass das Licht hier oben im Norden Schottlands ganz anders ist? Sehr intensiv, selbst bei bewölktem Himmel. Das mag als Ausrede herhalten, warum ich in den Videos machmal so verkniffen (verkniffener als sonst) dreinschaue. Ich gelobe Besserung!
Fazit des Tages: Schöne Strecke, schön zu fahren, die Landschaft ist schön, aber reißt mich auch nicht vom Hocker. Hoffentlich ist etwas dran, dass man die NC500 gegen den Uhrzeigersinn fahren soll, so wie ich es tue. Im Norden und im Westen soll es dann richtig atemberaubend werden. Was zu beweisen wäre.