Gent - Azur en Ardenne

Eva hatte mir gestern freundlicherweise angeboten, mein Motorrad in ihrer Garage unterzustellen. Also spazierte ich nach den Check-out eine knappe Viertelstunde zu ihr und nahm beim türkischen Bäcker um die Ecke noch ein paar Croissants und Teilchen für‘s Frühstück mit. Weil es sowas in Belgien nicht gibt und sie den so toll fand schenkte ich ihr noch meinen Tabakbeutel zum Abschied – eine winzige Geste für die große Gastfreundschaft. Dann ging‘s los in Richtung Südosten und Ardennen.

Erst einmal nur durch städtische oder stadtnahe Gebiete mit viel Verkehr und Geschwindigkeitsbegrenzungen. Dann irgendwann nach etwa 30 Kilometern lief es einigermaßen anständig. Leider war das Wetter noch schlechter als gestern: Es war kalt, stürmisch und regnerisch. Der Wind blies mit einer solchen Kraft, dass sich 70 km/h wie 120 km/h anfühlten, weil er – selbstmurmelnd – fast die ganze Fahrt über von vorn blies. Kam er mal von der Seite, musste ich die geraden Strecken schaukelnd in Schräglage fahren. Die Propellerflügel der Windräder bogen sich doch recht ordentlich nach hinten bei diesen Windgeschwindigkeiten, und wenn mich nicht alles täuschte war der Turm ebenfalls jeweils leicht gebogen. Beeindruckend. Macht man sich normalerweise keine Vorstellung von.

Also wieder kein Tag für Fotos, nur fahren. Mist. Aber ein Tag für eine schöne Mittagspause in einem Bistro am Wegesrand. Die Volten der schottischen Küche hatte ich ja schnell und ausgiebig kennengelernt. Darin ist sie der englischen nicht unähnlich und könnte ebenfalls in Groucho Marxens Sammlung Platz finden (Groucho Marx – Meine Sammlung der dünnsten Bücher der Welt: Die Geheimnisse der englischen Küche, Alle italienischen Helden seit dem 15. Jahrhundert, Das Beste aus deutschem Humor). Und dreimal frühstücken am Tag (Dirk) hält man auch keine vier Wochen durch. Kurz: Ich habe das Gefühl, in den letzten dreieinhalb Wochen mehr Eier und Schweinefleisch gegessen zu haben als im gesamten vergangenen Jahr. Allein der Gedanke daran bereit mir Völlegefühl (woran auch „Rennie räumt den Magen auf – bei Sodbrennen, Magendruck und Völlegefühl“ nichts ändern würde).

Zurück zum Bistro: Es gab ein Menü zum Lunch mit einem gebackenen Ziegenkäse auf einer honiggetränkten getoasteten Brioche an Ruccolasalat als Entrée und „Escalope Milanaise“ mit Penne zur Hauptspeise. Das war sehr wohlschmeckend und tat vor allen Dingen soo gut. Auch die eineinhalb Stunden Zeit, die ich dafür brauchte, taten gut. Ziemlich genau so lange dauert ein ordentliches Fußballspiel. Nach dem obligatorischen Café — für ein Dessert war beim besten Willen kein Platz mehr — ging’s dann wieder auf die Straße.

Beim Kampf gegen Wind, Wetter und Straße musste ich nochmal über die Fähre nachdenken. Das ist ja für eine Überfahrt noch auszuhalten, aber eine Kreuzfahrt unter solchen Umständen? Es gibt Leute, die lieben das geradezu. Für mich ist es unvorstellbar. Da halte ich es mit Charles Bukowski: „I don’t hate people. I just feel better when they aren‘t around.“

Hinter Namur wurde die Fahrbahn besser und die Strecke sehr viel schöner zu fahren. Langgezogene Kurven wanden sich an den Hängen der Ardenne-Ausläufer entlang, da war mir auch das immer noch Scheiß-Wetter egal. Mein gut gefüllter Bauch verbreitete Wohlgefühl und Wärme. Jetzt bloß nicht einschlafen vor lauter Wonne!

Im Nieselregen erreichte ich mein heutiges Fahrziel, das sich als gut besuchter Wellness-Tempel entpuppte. Immerhin gibt es eine Garage für mein Motorrad. So viele Menschen hätte ich heute hier nicht gebraucht, aber was soll’s. Morgen bin ich ja wieder zuhause.

Fazit des Tages: Langweilige belgische Landschaft und ekliges Wetter verhindern schöne Bilder. Ein ordentliches Mittagsmahl macht den Tag im Nachhinein besser, als er war. „Red Nose Day“ ist Geschichte, die Farbe blättert ab, trotz eincremen.