Fionnphort - Craignure

Der Kuckuck war über Nacht verstummt. Dafür war der Hausherr umso gesprächiger. Bereits gestern bei der Ankunft bewunderte er meine Ausrüstung und mein Motorrad, heute morgen wollte er mir unbedingt meine Jacke abschwätzen. Ich bekäme auch eine von ihm. Die Marke Stadler hat es ihm wohl angetan, denn er redete von nichts anderem. Immerhin half er mir, mein Motorrad rückwärts aus der Parklücke zu schieben, denn in dem dicken, lockeren Kiesbelag versanken die Reifen einfach in Mulden und das Mopped war von mir alleine (auch wegen mangelnder Haftung meiner Stiefel auf diesem Untergrund) nicht mehr zu bewegen.

Also los auf die Nordschleife über die Isle of Mull. Erst einmal ging es eine lange Strecke an der See entlang über eine sogenannte „Scenic Route“. Die war so scenic, dass ich nur an manchen Stellen maximal 30 km/h schnell fahren konnte, sonst noch viel langsamer. Diese Single Track Roads der Kategorie C folgen dem Gelände wirklich jeden Zentimeter, sowohl was die seitliche Neigung als auch die Steigung oder das Gefälle anbelangt. Dadurch kommt es ständig zu Straßenkuppen, an denen man bei der Anfahrt nur den Himmel sieht, sonst nichts. Oben angekommen muss man auf alles gefasst sein: Absturz senkrecht, scharfe Kurve links oder rechts und Gegenverkehr. Einmal stand ein älterer Tourist in seinem Leih-SUV direkt vor mir, weil er auf die verkehrte Straßenseite ausgewichen war.

In den Highlands warnten Schilder mit der Aufschrift „Blind Summit“ vor diesen Stellen, weiter westlich nannte man sie „Hidden Dip“. Hier im Südwesten und auf den Inseln scheinen ihnen die Schilder ausgegangen zu sein. Wohlgemerkt: Hinter jedem „Blind Summit“ verbirgt sich ein „Hidden Dip“ und der Asphalt ist tief vernarbt von den unsanften Landungen der Fahrzeuge, die sie überfliegen. Oder sollte ich sagen: von den Flugzeugen, die sie überfahren? Anstrengend zu fahren ist es allemal, und deshalb war in beschaulicher Gesellschaft einer Herde Schafe eine kurze Rast vonnöten.

Bis zum Eas Fors Waterfall war es noch ein ganze Ecke auf dieser Straße, aber jener machte seinem Namen wenigstens Ehre. Ein lauschiges Plätzchen mitten in einer Art Märchenwald mit verwachsenen Bäumen. Leider nur turnten auch hier ein paar Touristen rum, die ich auf meinen Bildern nicht immer vermeiden konnte.

Am „Hen House“, in einigen Reiseführern hoch gelobt, wollte ich eigentlich eine Pause zum zweiten Frühstück einlegen. Leider war es wegen Krankheit geschlossen. Sehr schade, denn auch der stille Platz hier mit einem wunderschönen Blick haben mir gut gefallen.

Noch ein paar Kilometer und der erste Strand für heute wartete auf mich: Calgary Bay. Auf einer Bank, die schon wesentlich bessere Tage gesehen hatte, ließ ich mich nieder, genoss den Blick über die Bucht auf das Meer und die erste Zigarette des Tages, wobei mein mobiler Reiseaschenbecher mal wieder zum Einsatz kam, denn eine Mülltonne oder ein Papierkorb waren nicht vorhanden. Lediglich ein Depot für Hundekacke. Offenbar gibt es hier mehr Hunde als Raucher.

Auf dem Weg nach Tobermory wollte ich mir eigentlich noch die „Kilmore Standing Stones“ ansehen, aber die waren irgendwo versteckt hinter einem Wäldchen auf einer abgesperrten Schafweide. Also mal wieder Essig mit den Hinkelsteinen.

Das Hafenstädtchen Tobermory liegt verschlafen in einer weitläufigen Bucht, wobei die Verschlafenheit sicher auch dem heutigen Sonntag gezollt ist. Ein einziges Café/Restaurant an der Mole war geöffnet, wo ich mir eine Portion „Spaghetti Aglio e Olio“ genehmigte. Typisch schottisches Essen gab‘s hier nicht, und die Bedienung musste zweimal nachfragen, was ich wollte, um dann doch nochmal in der Speisekarte nachzusehen und schließlich „Spaghetti“ als Bestellung notierte. Nach einem abschließenden Espresso (den verstand der Kollege wenigstens) spazierte ich noch ein bisschen rum, denn trotz langer Strecken hatte ich noch viel Zeit bis zur Abfahrt meiner Fähre.

Über die Küstenstraße, einer Single Track Road der Kategorie A, tuckerte ich mit gemütlichen 60 km/h dem Fährhafen Craignure entgegen, ließ die eiligen Autofahrer immer wieder passieren und genoss den Blick über das linker Hand liegende Meer auf „Scottish Mainland“. Wegen Single Track Road leider auch mit häufigen Stopps, um den Gegenverkehr passieren zu lassen. Also so wirklich entspannend war es nicht.

In Craignure kam ich etwa zwei Stunden vor Abfahrt meiner Fähre an. Den Wächter an der Einfahrt frug ich, ob ich vielleicht mit der früheren Fähre fahren könne. Er wies mich an, auf die Spur der für diese Uhrzeit nicht gebuchten Fahrzeuge zu fahren und zu warten. Falls möglich (und das sei wahrscheinlich) könne man mich mitnehmen. So war es dann auch und ich konnte eine Stunde früher als geplant die Isle of Mull verlassen.

Während ich den Text hier in Oban, wo ich eine weitere Nacht verbringen werde, verfasse, kommt mir der Gedanke an Sanary-sur-Mer und seine Künstlerkolonie vor etwa einem Jahrhundert. Die saßen bei hochgeistigen Getränken und vermutlich ebensolchen Gesprächen in den Cafés am Hafen. Nun, der Vergleich hinkt gewaltig, denn ich warte schreibend bei einem IPA auf mein „Fish and Chips“. Die Amerikaner am Nebentisch führen zwar Gespräche, aber hochgeistig ist anders. Das kompensieren sie durch Lautstärke („I am half German and half Irish“ – also bist du ein Immigrant. Beware of Homeland Security!). Sie gaben auch eine sehr komplexe Bestellung auf, die sie in den folgenden Minuten mehrfach änderten. Wollte ich alles nicht wissen, musste es mir aber gezwungenermaßen anhören. Und der Verkehr in Sanary-sur-Mer war damals auch eher unmotorisiert. So ändern sich die Zeiten.

Fazit des Tages: Die Isle of Mull macht einen familien- und hundefreundlichen Eindruck, hat ein paar Besonderheiten wie versteckte Märchenwälder zu bieten und ist trotz Ähnlichkeiten zum bisher Gesehenen sanfter in der Landschaftsanmutung. Den Kuckuck, so er nicht mehr rufen sollte, werde ich vermissen. Die Amerikaner nicht.

Bewegte Bilder: