Carloway - Tarbert
Sollte ich die Regenfront heute doch noch abbekommen? Es sah ganz danach aus, als ich bei dunkelgrauem Himmel und 10°C losfuhr. Der Norden der Insel Lewis ist landschaftlich für meinen Geschmack zu langweilig. Ein paar Dörfchen, viele Schafe auf den Weiden, aber sonst?
Da waren die alten Steine der Calanais Standing Stones schon eine willkommene Abwechslung. Leider waren bei diesem sehr windigen Wetter schon ein paar Nasen vor Ort, die den grauen Steinen ein paar Farbtupfer hinzufügten. Aber auf die hätte ich gut und gerne verzichten können. Nun ja, interessant war es schon, nur halt schwierig, die Steine ohne Touristen aufnehmen zu können. Die ersten (Steine, nicht Touristen) waren wohl schon vor über 4000 Jahren dort errichtet worden. Warum weiß aber bis heute niemand. Immerhin stehen sie in reizvoller Lage etwas abseits der Straße und mit schönem Blick. Dass es auch noch Calanais II und III gibt erfuhr ich schon nach wenigen hundert Metern meiner Weiterfahrt. Aber die habe ich mir geschenkt.
Das „Memorial Cairn to the Parc Deer Raiders“ ein ganzes Stück durch die jetzt hügeliger werdende Landschaft weiter war Ende des 19. Jahrhunderts errichtet worden. Hier waren wohl, wie in der gesamten Menschheitsgeschichte immer wieder geschehen, Menschen für ihren Kampf um Freiheit getötet worden. Dem keltischen Stil nachempfunden hat man diese Stele an exponierter Stelle errichtet. Das Wetter passte weiterhin zu diesem traurigen Anlass. Aber endlich gab es von der Spitze des Monuments etwas zu gucken.
Je weiter ich nach Süden fuhr, umso schöner wurden sowohl das Wetter als auch die Gegend. Die grauen Wolken hatten sich, zumindest vorübergehend, verzogen. Dazu passte mein nächster Anlaufpunkt, der Luskentyre Beach, hervorragend. Schon bei der Anfahrt über eine winzige einspurige Straße konnte ich einen Blick auf den weitläufigen Strand erhaschen.
Gut vier Kilometer waren es noch bis zum Parkplatz direkt am Strand, und der war überwältigend. Richtiggehend begeistert war ich, zugegebenermaßen. Aber wegen des Windes und der Sonne guckte ich wieder ziemlich verkniffen. Hinter den Dünen, durch die ich ein paar hundert Meter laufen musste, lag der Strand gut versteckt.
Nach so viel Sonne, Sand und Wind legte ich eine Pause in der Nähe ein. Ein kleiner Laden, der lokale Erzeugnisse, Getränke und Snacks anbietet, lag direkt am Straßenrand auf dem Rückweg. Ein willkommener Stopp von einer guten halben Stunde mit Nescafé Gold und herrlichem Blick. „Honesty“ wird in Schottland groß geschrieben. Man hat Vertrauen in die Ehrlichkeit der Menschen, die hierher kommen und etwas kaufen. Wechselgeld liegt zuhauf in einem Plastikbehälter bereit, das Geld für den Einkauf wirft man in eine briefkastenähnliche Box direkt neben dem Eingang.
Nach dem selben Konzept funktioniert auch Croft36, die ich auf meiner Liste hatte. Allerdings werden hier hauptsächlich Essen und Getränke angeboten. Sogar eine heiße Suppe und ein paar warme Pies und Toasts sind zu haben. Alles von einer Dame hergestellt, die damit vor ein paar Jahren begonnen hat und deren Idee ganz augenscheinlich großen Anklang findet. Denn erstens gibt es sie immer noch und zweitens war das Büffet um 14 Uhr, als ich ankam, schon ziemlich geräubert. Aber zwei sehr leckere Backwaren gab‘s für mich noch. Direkt neben dem Holzhäuschen von Croft36 bietet eine lokale Künstlerin ihre Waren an. Fast war ich geneigt, auch hier eine Kleinigkeit zu erwerben. Aber nur fast.
So gestärkt nahm ich die „Golden Road“ in Angriff. Das ist eine Single Track Road an der Küste entlang in nördlicher Richtung, schmal ist kein Ausdruck, achterbahnmäßig rauf und runter, nach links und rechts verlaufend. Kaum Gegenverkehr, aber wenn, dann garantiert hinter einer uneinsehbaren Kurve und ohne „Passing Point“, wie die Ausweichstellen hier heißen. Von den Schafen auf der Fahrbahn ganz zu schweigen. Volle Konzentration und die Zügel fest in der Hand bei maximal 25 km/h fordern ihren Tribut. Eine Verschnaufpause am Wegesrand musste sein. „Golden Road“ heißt sie im Volksmund angeblich deswegen, weil es einen Haufen Geld gekostet hat, sie in dieser abgelegenen Gegend überhaupt anzulegen.
Nach der Pause ging‘s mir besser, und auch die Straße wurde einfacher zu fahren, bis zu meinem heutigen Ziel, dem Hotel Hebrides in Tarbert. Kostenloser Parkplatz direkt gegenüber, sehr schönes Zimmer, nur die Restaurantreservierung haben sie verbaselt.
Beim Entladen meines Motorrads hörte ich plötzlich diagonal hinter mir ein kräftiges „Moin“. Ein Ehepaar mit Hund aus Norddeutschland sprach mich an. Wir redeten über Motorrad, meine Tour, was sie unbedingt empfehlen, usw. Ein Schnack unter Landsleuten halt.
Fazit des Tages: Lewis im Norden ist längst nicht so schön wie Harris im Süden. Und das Wetter hier ist auch besser. Wobei: Am Butt of Lewis war‘s schon schön. Wegen des Rückseitenwetters gab‘s einen weiteren „Red Nose Day“. Auch in den folgenden Tagen wird der Rüssel wohl noch leiden müssen.