Ballater - Dingwall

Als ich beim Frühstück saß, schneite es. Die Temperatur war bei Regen über Nacht auf schlappe 1°C gefallen. Das verhieß einen erfrischenden Tag auf dem Mopped, und wie sich herausstellen sollte, fühlte sich das eine plus wie mindestens fünf Grad minus an.

Also einen doppelten Baselayer aus Wolle angelegt, den Wind- und Regenkragen an die Motorradjacke geclipt und die Unterhandschuhe angezogen.

Der Regen in der Nacht (in weiser Voraussicht hatte ich meinen gesteppten Motorradsattel wasserfest abgedeckt) half allerdings, die Maschine von den vielen toten Insekten zu befreien, die sich bisher an der Front angesammelt hatten. Außerdem entdeckte ich an der Vordergabel rechts eine klebrige schwarze Pampe, die dort in Klümpchen hing. Sah aus wie dieses schwarze Zeug, das zum Ausbessern der Straßen benutzt wird. Wie auch immer, ich konnte es vom Motorrad entfernen und hatte es anschließend nicht nur in meinem Läppchen, sondern vor allen Dingen an den Fingern kleben. Ging aber mit viel heißem Wasser und Seife ganz gut ab.

Also los auf die Piste, über die Old Military Road durch den nördlichen Cairngorm Nationalpark in Richtung Aviemore. Die Strecke war herrlich zu fahren, über schmale Straßen und Hügel. Die Highlands ließen zum ersten Mal wirklich grüßen. Es war zwar noch scheißekälter als gestern, aber das tat dem Spaß keinen Abbruch.

Am ersten „Viewpoint“ hielt ich kurz an, um die dort aufgerichteten Steine zu begutachten und den weiten Blick zu genießen. „Warm your soul before you go“, die Inschrift auf einem der Steine, war der richtige Wahlspruch für diesen Teil der Strecke. „Warm your body“ hätte noch mehr geholfen, aber man kann ja nicht alles haben. Und die Sache mit den „still skies or storms unfold“ hatte Petrus heute wirklich wörtlich genommen. Deshalb ließ ich die Videokameras auch in den Taschen, denn die wären mir bei diesem Wetter entweder eingefroren, oder es wären wegen des Regens nur im wahrsten Wortsinne verschwommene Bilder herausgekommen.

Am „The Lecht 2090“, einem Bergpass und Skigebiet (!), kajodelte das dort installierte Windrad im Wind und Schneetreiben dermaßen, als wolle es gleich mitsamt den umliegenden Hügeln am Hintern abheben.

In Aviemore steuerte ich die erste (und einzige) Tankstelle direkt an; es wurde mal wieder Zeit. Dann ging‘s zum nahegelegenen Loch Morlich mit seinem Beach und der „Pine Marten Bar“. Verständlicherweise gab es keine Badegäste. 

Ein freundlicher Herr sprach mich auf meinen Parkplatz direkt am Straßenrand an. Dort habe vor kurzem ein Wohnmobil gehalten, das eine Menge Diesel verloren hatte. Das lief in einer breiten Ölspur den Hang hinunter, und ich parkte direkt daneben. Er wolle mich nur warnen, weil das Öl auf der Straße dem Grip meiner Reifen nicht zuträglich sei. Hatte ich natürlich alles im Blick, bedankte mich aber sehr herzlich für die Umsicht und den Hinweis. Sowas erlebt man wirklich nicht alle Tage. Aber die Schotten sind ja ein sehr freundliches und zuvorkommendes Volk. Das kann ich aufgrund meiner Begegnungen bisher nur bestätigen.

Ich setzte mich also mitten in das Wimmelbild der „Pine Marten Bar“, um mich aufzuwärmen, einen Kaffee zu trinken und ein Schinken-Käse-Sandwich zu Mittag zu essen. Sehr nette junge Leute dort, und das Essen war auch gut. Zwar wimmerte die Wurmuhr nicht wölf, aber die Kuckucksuhr an der Wand neben mir gab mir zu verstehen, dass es Zeit für ein Mittagessen war. Danke.

Auf dem Weg zu meinem nächsten Ziel kam mir eine Horde Porsche- und anderer Sportwagenfahrer entgegen, die über die kleinen Straßen heizten, als gäbe es kein Morgen. Sie hatten alle über die Breite ihrer Windschutzscheiben gehende Aufkleber eines „Cannonbawz“, woraus ich schloss, dass es hier eine privat organisierte Schnitzeljagd mit Autos gibt. Das wird den Herrn mit der Radarkamera sicher freuen, den ich ein paar Minuten vorher passiert hatte. Eine Horde Mazda MX5 folgte wenige Kilometer später.

Die „Old Pack Horse Bridge“ in Carrbridge ist außer als Fotomotiv zu nichts mehr zu gebrauchen. Denn anders als das „Lyne Viaduct“ am Freitag, das ja immerhin noch als Fußgängerbrücke dient, steht hier nur noch das Gerippe einstiger Pracht. Pittoresk ist die alte Brücke aber allemal.

Um das „Inverness Castle“, meinem nächsten Anlaufpunkt, fuhr ich wegen Restaurierungsarbeiten und gesperrter Zufahrt ein paar Runden, bevor ich mich auf den Weg zu meinem heutigen Tagesziel machte. 

Rund um Inverness, wie eigentlich im Falle aller größeren Städte, war die Fahrerei unerfreulich, weil viel Verkehr, noch mehr Kreisverkehre und langweilige A-Roads (Bundesstraßen), die zum Teil sogar vierspurig ausgebaut waren. Da sehnte ich mich doch zu den „rollercoaster“-Sträßchen zurück, die den Unebenheiten der Landschaft folgend häufig Kuppen in petto haben, auf denen man selbst bei nur 60 km/h mit einem „Yiehaah!“ kurz aus dem Sattel gehoben wird, um sogleich wieder Anlauf für die nächste zu nehmen. Oft lauert auch eine Kurve hinter diesen „blind summits“.

Wegen arktischer Temperaturen und Wetter („If you don‘t like scottish weather, just wait five minutes – so lange musste ich nie warten – manchmal wechselten Sonne, Wolken, Regen, Sturm von vorn im Minutentakt) brachte ich meine Tagesetappe recht flott hinter mich und erreichte das National Hotel in Dingwall schon gegen 16 Uhr. Das ließ mir Zeit zum Aufwärmen, bevor es zum Apéro ging.

Zum ersten Mal auf meiner Fahrt gab es heute Abend Fish ‘n‘ Chips. Gefühlt fünf Minuten nach meiner Bestellung standen sie vor mir. Der Haddock war sicherlich ein Tagesfang, die Erbsen kamen frisch vom Feld und die Kartoffeln waren noch nicht richtig ausgebuddelt, da lagen sie schon auf meinem Teller.

Fazit des Tages: Bei mindestens 15° und Sonne hätte ich vielleicht doppelt so lange gebraucht, weil ich viel öfter angehalten hätte, um die Gegend zu genießen und Bilder zu machen. Aber wir sind ja hier nicht bei „Wünsch dir was“, sondern bei „So isses“. Die zwischenzeitlich steif gefrorenen Finger kann ich auch wieder bewegen, also alles gut. Der Gedanke, muss ich ehrlich zugeben, nach Heizgriffen oder gar geheizten Handschuhen kam mir zwischendurch in den Sinn. Habe ich aber schnell wieder verworfen, denn das ist vielleicht was für „Saunauntensitzer“, „BrötchenüberderSpüleaufschneider“ oder „FDP-Wähler“. Wenn‘s auf dem Mopped kalt ist, habe ich seit über 50 Jahren eisige Finger. Na und? Musso!

Bewegte Bilder: