Thonon-les-Bains - Beaufort

Heute also ging es los, ab „Kilomètre Zéro“. Gefrühstückt, gepackt, Motorrad abgetrocknet (während der Nacht hatte es wie selbstverständlich wieder mal geregnet), und schon ging es los. Vom Hotel aus bis zur nächsten Ecke, dann rechts und immer geradeaus. Das war der Plan. Gegen dessen Realisierung brachte aber das städtische Tiefbauamt aufgebuddelte Straßen mit den begleitenden Sperrungen in Stellung, die mich zu einer unfreiwilligen Besichtigungstour durch halb Thonon zwangen. Nach fast einem Dutzend Kreisverkehren sowie Kehrtwendungen fuhr ich einfach mal in Richtung „Toutes Directions“ – und siehe da: Ich fand einen Weg aus dem Labyrinth. Hat mich letztendlich zwar eine gute Viertelstunde und etliche Nerven gekostet, aber ich war nun auf der richtigen Spur, der „Route des Grandes Alpes“.

Unter dunkelgrau bewölktem Himmel ging es in die ersten dunkelgrünen Schluchten. Die Straßen waren noch nass; vorsichtiges Fahren war also angesagt. Insbesondere in den Kurven lauerten Bitumenschlangen, mit denen die Fahrbahn ausgebessert worden war. Schon im trockenen Zustand verstehen die keinen Spaß, regennass sind sie glatt wie Schmierseife. Da wedelte mein Motorrad das eine oder andere Mal schon ordentlich mit dem Schwanz, wenn ich eine nicht ganz vermeiden konnte. Und wenn das der Fall war sprang dem Bitumen flugs eine metallene, quer über die Fahrbahn verlaufende Wasserrinnenabdeckung zur Seite. Wieder kein Grip – und der Hintern wackelte. Kalt war es zudem, steife Finger und rote Nase inbegriffen. Aber schön zu fahren. Spoiler-Alert: Auf der gesamten Strecke bis zu meinem Hotel in Beaufort fuhr das Motorrad gefühlt nur 10% der Zeit in senkrechter Position, der Rest waren Neigungen bis zu 45° in den zahllosen Kurven. So muss das!

Den ersten Pass, „Le Col des Gets“, fand ich auch nach intensiver Suche nicht. Zwar fuhr ich durch alle befahrbaren Straßen des gleichnamigen Örtchens, aber ein Schild mit Höhenangabe war nirgends zu entdecken. Also weiter. Es wartete ja noch ein gutes halbes Dutzend weiterer Cols auf mich.

Im nächsten Dorf hatte ich mir das „Café des Cols“ als Haltepunkt notiert. Auch hier fanden umfangreiche Tiefbauarbeiten rund um das Gebäude statt, sodass ich mein Motorrad ein Stück weiter parken musste, bevor ich zu meiner Cafépause kam. Einsfuffzich für die Koffeinbombe war erstaunlich günstig, und so saß ich in der Nachbarschaft eines Kleinbaggers, der geräuschvoll seine Arbeit verrichtete, auf dem Balkon des Etablissements und sah dem vorüberziehenden Verkehr zu.

Unangenehmer, weil noch kälter und windiger, wurde es auf dem „Col de la Colombière“. Immerhin gab’s hier ein Schild sowie einen Niederländer, mit dem ich mich etwa zehn Minuten angeregt unterhalten konnte. Dann wollte er wieder weiter. Für ein zweites Frühstück in der „Bar de la Colombière“ war es noch etwas zu früh, aber der Blick von hier oben war schon mal ganz nett. Eine Gruppe Motorradfahrer mit Alzeyer Nummer hielt noch neben mir, und auch mit diesen kam ich ins Gespräch, aber die waren hungrig und durstig und verschwanden schnell im Innern der Kneipe.

Am „Col des Aravis“ war die Hölle los. Jede Menge Hütten und Buden mit lokalen Erzeugnissen, vom Tierfell über Käse bis hin zu Souvenirs. Nicht mein Fall. Eine Rotte Sportcabriofahrer war schon da, und ein paar Motorraddeppen ließen ihre Klappenauspuffe erklingen.

Meine Tankanzeige mahnte mich, dass ein Nachfüllen dringend gewünscht würde. Zum Glück gab es in einem der nächsten Dörfer eine verwaiste Tankstelle mit Tankautomat, der sogar meine Kreditkarte akzeptierte. Puh, gerade nochmal gut gegangen, denn sehr weit wäre ich mit dem Rest Benzin im Tank nicht mehr gekommen.

Als ich so durch Berg und Tal tuckerte kam mir der Gedanke, dass die Landschaft und die Architektur hier doch ziemlich alpin daher kommen. „Du bist ja auch in den Alpen, du Depp“ fiel mir nach ein paar Sekunden ein. Boah Mann, eyh!

Der „Col des Saisies“ war eine weitere Enttäuschung. Mehrere Fußballfelder große Parkplätze, Bowlingbahn, Berg- und Talstationen für den Wintersport, Geschäfte, Sportläden – alles, was das Herz begehrt, die meisten jedoch geschlossen. Glücklicherweise gab es auch eine Boulangerie mit Salon de Thé, wo ich mir erneut einen Café au Lait und einen Éclair au Chocolat gönnte. Das tat Körper, Herz und Laune gut. Und ein Klo hatten die auch. Perfekt.

Auf dem Weg hierher war ich durch zahlreiche kleine und kleinste Ortschaften gekommen, die sich ganz augenscheinlich auf die nahende Wintersaison vorbereiteten. Bau- und Renovierungsarbeiten allenthalben, aber sonst absolut tote Hose und alles geschlossen, auch die Fensterläden. Trostlos, um ehrlich zu sein.

Vom Éclair au Chocolat bis zu meinem Hotel war es nun nicht mehr weit. Vom Pass bergab ins Tal waren, wie schon die gesamte Fahrt über, kaum mehr als 40 km/h drin. Manches Mal ertappte ich mich dabei, dass ich dachte, ich führe viel zu schnell. Ein Blick auf den Tacho belehrte mich eines Besseren: Echt jetzt? Nur so langsam? Es fühlte sich ob des Straßenzustandes und der Kurven tatsächlich nach wesentlich mehr an.

Mein Motorrad hat für heute Nacht sogar eine winzig kleine Privatgarage bekommen. Mit Code-gesperrtem Schloss und so weiter. „C1926“ und dann den Knopf drehen, schärfte mir die Wirtin ein, nicht vergessen.

Nach dem Check-in, einer Dusche und den üblichen Reinigungsarbeiten bestellte ich ein Bier (das die freundliche Dame des Hauses mit einer „petite viennoiserie“ garnierte) und setzte mich auf die Terrasse am Straßenrand. Die Sonne lachte und wir hatten sagenhafte 22°. Mehr als doppelt so viel wie den ganzen Tag über.

Das hauseigene Restaurant ist heute ausnahmsweise geschlossen, also muss ich nebenan mein Glück versuchen. Verhungern und verdursten werde ich hier nicht, und schlechter als in den Ibis-Hotels der letzten beiden Abende wird es sicher auch nicht werden.

Fazit des Tages: Die „Route des Grandes Alpes“ hat mich bereits am ersten Tag voll gefordert. Konzentration und Physis ob der Straßen und deren Führung waren gefragt. Jede Menge weidender Kühe am Wegesrand (die Käseherstellung ist neben dem Tourismus eine der Haupteinnahmequellen der Gegend) und viele um diese Jahreszeit noch halbtote Ortschaften begegneten mir. Ich möchte nicht wissen, wie es hier im Winter wimmelt. Ein Schulterklopfen für mich selbst, dass ich die Etappen entlang dieser Route mit etwa 150 Kilometern so kurz gehalten habe. Heute habe ich etwa sechs Stunden dafür gebraucht.