Termignon - Mont-Dauphin

„Als ich heute aus dem Fenster schaute, graute der Morgen.“ „Dativ, Schätzchen, Dativ!“ An diesen Dialog musste ich beim Anblick des bedeckten Himmels heute morgen denken. Die Sonne kämpfte zwar, war auch hie und da zu erahnen, schaffte den finalen Durchbruch aber nicht. Das sollte auch den ganzen Tag über so bleiben.

Ein gemütlicher Fahrtag mit vier Passüberquerungen sollte es werden, da hatte ich genügend Zeit für ein gemächliches Frühstück; Packen in der Garage, in der mein Motorrad die Nacht verbringen durfte, und Abfahrt ohne Hast. Gegen 10:30 Uhr ging es also los. Erste kleine Kaffeepause am Col du Télégraphe eine knappe Stunde später. Es war einiges los auf dem Parkplatz vor dem Relais: Motorräder, Fahrräder, Sportwagen und Wanderer gaben sich ein Stelldichein.

Natürlich posierten die Radfahrer wieder ewig vor dem Schild mit der Passhöhe, unterhielten sich lautstark und machten keinerlei Anstalten, die Szenerie für andere Menschen freizugeben, die vielleicht auch ein Foto machen wollten. Genauso wenig Anstalten machen sie auf den Straßen, nebeneinander fahrend eine Fahrspur blockierend, sodass sie oft eine mehrere hundert Meter lange Fahrzeugschlange hinter sich her ziehen. Wenn sie die rote Ampel an den einspurigen Verkehrsführungen (Circulation Alternée) missachtend einfach weiterfahren habe ich auch schon erlebt, dass sie sich lautstark beschweren, wenn ihnen die entgegenkommenden Fahrzeuge vermeintlich zu wenig Platz machen. –Ja, die hab ich gefressen!

Wie gestern schon ging es auch heute wieder nochmal tausend Meter höher bis zum nächsten Pass, dem Col du Galibier. Das war schon eine andere Hausnummer. Keine zehn Grad und windig. Die Touristen dort oben machten daher auch nur kurz Station, denn eine Restauration gab es nicht. Nur Blick, aber der war in alle Richtungen beeindruckend. Auch die Abfahrt glich derjenigen von gestern: steile Abgründe direkt neben der Fahrbahn, ungesichert oder nur mit den besagten Stäbchen und Schnüren markiert. Also bloß schön in der Nähe der Fahrbahnmitte bleiben.

Die oben fehlende Restauration gab es dann in mannigfaltiger Ausführung ein Stückchen tiefer am Col du Lautaret. Es war eine Mischung aus verwaister Skistation und Touristenfallen; sehr attraktiv. Scheint den älteren Herrschaften in ihren Sportcoupés aber deutlich zugesagt zu haben, denn die waren dort zahlreich vertreten.

Bis zum Col d’Izoard, meinem letzten Pass für heute und der dritthöchste auf meiner Tour, war es dann doch eine gute Stunde zu fahren. Das Wetter war nicht besser geworden, nur windiger, und die Temperatur überschritt die zehn Grad-Marke nicht. Also alles andere als gutes Motorradwetter. Fehlte nur noch der Regen. Wenigstens gab es auf dem Col ein Lädchen sowie Toiletten. Als ich meinen Kaffee in Empfang genommen hatte und auf mein Panini wartete, wollte der nächste Kunde auch einen Kaffee haben und mit der Karte bezahlen. „Wir sind hier in den Bergen, da gibt es kein Netz und nur Bargeld“, belehrte ihn der Mensch hinter der Theke resolut. Der arme Kerl machte einen durchgefrorenen Eindruck und so lud ich ihn zu dem Kaffee ein: „Wir Motorradfahrer müssen zusammenhalten.“ Das fand er so nett, dass er sich gleich zu einer Unterhaltung verpflichtet fühlte.

Nachdem ich mein Panini in Empfang genommen hatte verkrümelte ich mich nach draußen, trotz der wetterbedingten Unbill. Da kam ich vom Regen in die Traufe, weil mich sofort ein Berliner Busfahrer beschwatzte. Er war mit einem Leistungskurs Französisch auf Kursfahrt, erklärte mir die Vorteile der Internationalen Schule in Berlin, warum er nie Probleme mit den jungen Leuten habe, was Musik zur Verbesserung der Welt beitragen kann und so weiter und so weiter. Kurz: Ich bin jetzt komplett auf dem Laufenden und habe eine Menge gelernt.

Als Belohnung dafür, dass ich so gut durchgehalten hatte, erstand ich in dem Lädchen noch ein T-Shirt mit „Route des Grandes Alpes“-Motiv. Da ging’s mir doch gleich viel besser und ich machte mich durch Wind, Regen und Kälte auf, das letzte Stück Weges bis zu meiner Unterkunft hinter mich zu bringen.

Die „Auberge de l’Echauguette“ ist eine veritable Herberge in einem kleinen, von einer imposanten Mauer umgebenen Dörfchen oben auf einem Hügel. Nur Fußgänger sind gestattet, Fahrzeuge parken abseits auf einem großen Schotterparkplatz. Wenigstens konnte ich zum Entladen meines Gepäcks bis vor die Tür fahren. Dabei kam eine Horde älterer und noch älterer Motorradfahrer an mir vorbei durch die Fußgängerzone gefahren, winkend und hupend, was ich zum Fremdschämen fand. Einer der Herren brachte es doch glatt fertig, mit beiden Rädern in die mitten auf der Straße verlaufende Wasserrinne zu geraten. Natürlich kam er alleine da nicht mehr raus und mehrere Passanten hoben ihn mitsamt seiner Maschine wieder auf die Straße. Mann, Mann, Mann – so jemandem möchte ich nicht im Straßenverkehr begegnen.

Fazit des Tages: Meine Hoffnung, weiter im Süden gäbe es Sonne und angenehmere Temperaturen, hat sich bislang leider noch nicht realisiert. Der heutige Tag war wegen des kalten und nassen Wetters nicht schön, und meine Fahrvideos müssen weiter warten. Und mittlerweile gießt es in Strömen.