Peillon - Draguignan
Heute keine Berge und keine Pässe mehr, hatte ich gestern Abend noch beschlossen – entgegen der auf der Karte eingezeichneten ursprünglich geplanten Route. Vielmehr wollte ich mir die Metropole Nizza einmal geben und zunächst an der Küste entlang fahren. Das ließe mir auch genügend Zeit, um zu Daniel in Trans-en-Provence zu gelangen, bei dem ich mich für etwa 14 Uhr zum Kaffee angekündigt hatte. Überhaupt begann der sonnige Tag recht gemütlich mit einem netten Frühstück auf der Terrasse der Auberge de la Madone, in dessen Anschluss ich mich noch ein wenig mit einer Dame unterhielt, die auf ihr Taxi wartete. Das kann dauern in Nizzas Hinterland.
Aufbruch also etwa um halb elf und zunächst mal den Abstieg aus den Bergen an die Küste bewältigt. Langsam fahrend und reichlich Kurven nehmend näherte ich mich der Küstenstraße, die mich nach Nizza führen sollte.
Dort war schon eine Menge los: Viel Verkehr, viele Fußgänger, verwinkelte Straßen, kein Spaß, sich mit dem Motorrad hier durchzuquälen. Die Strandpromenade war zwar vielversprechend, aber kein wirklicher Genuss wegen des Verkehrs. Während ich mich in Richtung Westen bewegte bedauerte ich bereits meinen Entschluss, hier entlang gefahren zu sein. Aber was soll’s?! Und wirklich mondän war hier gar nichts.
Weiter ging’s in Richtung Cagnes-sur-Mer, immer an der Küste entlang und mit dem Mittelmeer in Sichtweite, aber auch nicht viel besser. Das wurde es erst, nachdem ich nach rechts in Richtung Grasse abgebogen war. Endlich weniger Autos und Motorroller, dafür eine gut ausgebaute Nationalstraße durch schöne Landschaft. Der Geruch des Meeres wurde auch schnell durch den Duft der Kiefern ersetzt.
Die Hauptstadt der Parfümeure lag an den Hügel geschmiegt in der grellen Morgensonne. Es war schon ziemlich warm, und vorausschauender- sowie glücklicherweise hatte ich alle Lüftungsschlitze meiner Kombi vor der Abfahrt geöffnet, sodass auch bei den bestimmt schon dreißig Grad in der Sonne wenigstens ein bisschen Fahrtwind durch den Anzug strömte und mir Beine und Oberkörper kühlte. Wobei, das kenne ich ja noch von meiner Griechenlandtour im vergangenen Jahr, der Kühlungseffekt bei Temperaturen oberhalb von 25 Grad eher bescheiden ist.
Weiter ging es durch zahllose Kreisverkehre in Richtung Draguignan. Wieder schön zu fahren, nicht spektakulär, aber davon hatte ich ja in den vergangenen Tagen genug bekommen. Weil ich sowohl Zeit als auch Hunger hatte stoppte ich an einer Boulangerie mit Terrasse im Schatten an einem – wie sollte es anders sein – Kreisverkehr, gönnte mir ein Sandwich und eine Cola als Mittagssnack. Die Cola hieß mich die Boulangère eigenhändig aus dem Kühlschrank nehmen, ich wählte die roteste der Dosen, ohne genau darauf zu sehen. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte, denn ich hatte eine Cola Zéro ohne Zucker erwischt. Nach ein paar Schlucken wunderte ich mich über den merkwürdigen Geschmack und entdeckte leider erst dann, was ich da erwischt hatte. Mist! Nur halb ausgetrunken wanderte sie dann auch in die Mülltonne.
Bei Daniel war ich dann trotz einer Umleitung wegen einer gesperrten Straße kurz vor seinem Haus pünktlich um zwei. Ein freudiges Wiedersehen nach den vielen Jahren, in denen wir uns nicht gesehen hatten. Marie-Lou kredenzte Kaffee, Schokolade und Wasser – so unterhielten wir uns zweieinhalb Stunden lang über das Leben, das Universum und den ganzen Rest, wobei die vielen gemeinsam gearbeiteten Jahre und die währenddessen zusammen erlebten Höhen und Tiefen natürlich nicht fehlen durften. Da tauchten Erinnerungen auf, die ich schon lange verdrängt hatte. Wir waren uns aber darüber einig, dass es gut ist, jetzt in Rente zu sein und erfüllendere Dinge tun zu können als Software und Maschinen zu verkaufen. Und die vielen Idioten von Vorgesetzten und Kollegen fehlen uns auch nicht.
Der kurze Weg zu meinem Hotel in Draguignan erledigte sich fast von selbst, das Motorrad steht auf dem Hotelparkplatz hinter dem Gebäude und meine üblichen Tätigkeiten nach der Ankunft (duschen, Wäsche waschen, Fotos und Videos hochladen – die Internetverbindung ist zwar langsam, aber stabil) sind bereits erledigt. Leider ist das Restaurant „1000 Colonnes“, das ich mir zum Abendessen ausgesucht habe, wegen eines Verkehrsunfalls des Besitzers bis auf Weiteres geschlossen, aber der Vietnamese direkt nebenan hat geöffnet. So kann ich in Erwartung eines asiatischen Abendessens und bei einem Tsingtao-Bier entspannt auf der Terrasse diesen Bericht schreiben.
Fazit des Tages: Ein fast schon erholsamer Fahrtag ohne größere physische Anstrengung ist auch mal fein. Wenig Gelegenheit zum Fotografieren, dafür gibt’s heute ein paar Fahrvideos. Nach dem doch eher spärlichen Verkehr auf der Route des Grandes Alpes wieder in das Gewimmel an der Küste einzutauchen war schon ein kleiner Schock. Richtig warm und sonnig ist es geworden, das soll auch die nächsten Tage so bleiben. Gut so. Aber jetzt müssen meine Brausetabletten mit den Elektrolyten zum Einsatz kommen. Auch ein Learning aus der Griechenlandreise.