Magnac-Bourg - Contres

In den erfrischend kalten und sonnigen Morgen brach ich um kurz nach neun Uhr auf und fuhr zunächst in Richtung Limoges. Bis in die Ausläufer der Stadt waren Felder und Äcker meine Begleiter, dann ersetzten sie der städtische Verkehr und die Kreisverkehre. So dauerte es eine gute Stunde bis ich nach meinem Aufbruch von der Auberge de l’Etang wieder im wahrsten Wortsinne Land sah.

Die Straße war teils wie mit dem Lineal gezogen und teilte die Landschaft links und rechts wie ein strenger Scheitel. Zunächst noch mit einigem Verkehr, dann jedoch verließ ich die Nationalstraße und es wurde weniger. Knapp zwei Stunden auf den Rädern, da gönnte ich mir eine Pause in Le Dorat. Auch hier wieder das gleiche Spiel wie schon die Tage vorher: Einfach mal rumgekurvt und schon ein Café gefunden. „Le Vieux Cèdre“ war sehr schön eigenwillig eingerichtet, mit alten Fotos von Motorrädern, mit Helmen in einer beleuchteten Nische und Postern von Motorradrennen in der Gegend. Sah man dem Laden von außen gar nicht an. Zwei Opis standen am Tresen bei ihrem petit blanc und unterhielten sich angeregt, bis sie sich später mit einem herzlichen „Allez ! Bon appétit.“ voneinander verabschiedeten, in ihre jeweiligen Autos stiegen und nach Hause fuhren.

Natürlich setzte ich mich mit meinem Café Double draußen in die Sonne, um mich aufzuwärmen (same procedure as last days). Da fielen mir die eigenwilligen Aschenbecher auf. Scheiben vom Tontaubenschießen als Aschenbecher hatte ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Sehr lustig. Der „Stand de Tir“ ist sicher nicht weit, und die Jagd auf die Palombe heilig. Südfrankreich halt.

Dabei machte ich mir zum wiederholten Male Gedanken über eine meiner Eigenarten. Wenn ich den Zucker aus dem Tütchen in den Kaffee geschüttet habe falte ich immer den Abriss und stecke ihn in das Tütchen hinein, das dann je nach Größe des abgerissenen Stückchens drei- oder mehrmals umgeklappt wird. Auf Mallorca war mir aufgefallen, dass Ulysses das genauso macht. Das fand ich deshalb bemerkenswert, weil ich vorher noch nie jemanden beobachtet habe, der das auch tut. Peiler-Slogan!

Weiter ging’s über weites, landwirtschaftlich genutztes Land. Meist konnte ich zügig fahren, weil es sowohl die Straßen als auch der Verkehr zuließen. Hin und wieder ein kurzer Stopp, um ein Foto zu schießen, aber meistens rollte es. Die Fahrvideos geben einen guten Eindruck davon. Deshalb lässt sich auch nichts Besonderes berichten, was ich nicht schon geschrieben hätte. Außer vielleicht, dass mir die Gegend zwischen dem Limousin und der Loire noch menschenleerer vorgekommen ist als die Corrèze gestern. Und die gilt ja schon als praktisch ausgestorben (Kann man das so sagen? Offenbar ja.). Sicher lag es auch an der Uhrzeit. „Entre midi et deux“ läuft ja in Frankreich praktisch gar nichts. Da geruht der gemeine Franzose nämlich zu Mittag zu speisen. Genauso heilig wie die Palombe.

Dazu fiel mir unser Dachdecker in den Landes ein. Monsieur Claverie beklagte sich einmal bei mir mit hängenden Schultern und kraftlosen Armbewegungen: „Seit zwei Wochen habe ich jetzt nur täglich eine Stunde Mittagspause machen können. Das halte ich nicht mehr aus, diesen Stress. Ach!“

Alle Claveries der Gegend waren augenscheinlich dem Ruf „À la soupe!“ gefolgt und saßen zuhause vor laufendem Fernseher und dampfendem Mittagessen am großen Tisch, Brot in die Suppe tunkend oder in die Sauce, dabei redend und gestikulierend oder nur vor sich hin brummend. Mir war’s recht, denn auf diese Weise waren sie von der Straße und ich konnte in aller Seelenruhe fahren.

Weil ich so gut vorangekommen bin war ich auch mal wieder zeitig dran. Check-in sollte ab 16 Uhr sein, da hatte ich noch reichlich Zeit. So bummelte ich die letzten 30 Kilometer dann doch wieder über die praktisch leeren Straßen, fuhr in aller Ruhe zum Tanken, und wollte mir noch einen Nachmittagssnack gönnen. In der Crèperie brannte Licht; deshalb flugs das Motorrad geparkt und hineingestiefelt. Leider waren die Betreiber gerade dabei, das Etablissement zu verlassen. Also Essig mit den Crèpes. Die Leute waren aber so freundlich, mich direkt um die Ecke zum ortsansässigen Patissier zu schicken, der auch einen Salon de Thé betreibt.

Ich also hin, jedoch öffnete er erst um halb vier. Also noch ein paar Minuten warten und das örtliche Treiben beobachten, dann bekam ich meinen Café Court und meine Palmiers. Der Salon de Thé wurde allerdings als Lagerraum genutzt, wofür sich der Patissier vielmals entschuldigte, sodass ich meinen Nachmittagskaffee draußen auf einer Bank sitzend zu mir nahm. Auch schön.

Das Manoir de Contres stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und wird von Maria und Victor Orsenne betrieben, den Schwiegereltern des Filmemachers Moritz Richard Schmidt, der den Film über die Enten und mich anlässlich der Obermayer Awards gedreht hat. Von ihm hatte ich mal davon erfahren, also legte ich meine Rückreiseroute so, dass ich hier heute und morgen Station machen kann.

Am ersten Donnerstag im Monat findet traditionell der Gau-Algesheimer „Bangert-Stammtisch“ statt, bei dem sich unsere Nachbarschaft zum Abendessen trifft und dabei die neuesten Neuigkeiten austauscht. Die Parallelveranstaltung dazu stieg mit mir als einzigem Teilnehmer hier in Contres. Weil das Manoir kein Restaurant sein eigen nennt hatte man mir im Vorfeld eine Liste der von den Besitzern empfohlenen Restaurants zugesandt. „La Botte d’Asperges“ war das erste auf der Liste, und das hatte ich auch schon für heute Abend reserviert. Ein guter Schachzug, wie sich herausstellen sollte. Das Etablissement wird von einem jungen Paar betrieben, das sich „cuisine inventive“ auf die Fahnen geschrieben hat. Es erinnerte mich sehr an die „Kleine Weingalerie“ in Gau-Algesheim, die vor ein paar Jahren ebenfalls von jungen Gastronomen eröffnet worden war, aber leider nach etwa zwei oder drei Jahren wieder schließen musste. Ein Nachbar titulierte das als „kulinarischen Super-GAU für Gau-Algesheim“. So empfanden Friderike und ich das auch. Der Rahmen hier war sehr angenehm, das Essen außerordentlich gut (heute hatte ich Geflügel, Kalb und Käse), die dazu kredenzten Weine ebenfalls – folglich habe ich direkt für morgen Abend wieder reserviert. Da gibt es Fisch. Ist ja Freitag.

Fazit des Tages: Viel Prosa, wo doch gar nichts passiert ist. Nur lange Strecken über Land gefahren und wenige Stellen fotografisch festgehalten. Wie auf der Rückfahrt von Biarritz durch die Landes 2017 kam es mir manchmal vor. Man fährt gemütlich, freut sich, summt vor sich hin und verliert sich in allerlei Gedanken. Das tut Herz und Seele gut.

Bewegte Bilder:

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