Llucmajor

23.9.
Gut ausgeruht machten Ulysses und ich nach dem Frühstück einen Spaziergang durch Llucmajor. Er wusste zu den vielen alten Gebäuden und Wohnhäusern, die meisten stammen aus der Zeit zwischen 1750 und 1780, immer etwas zu erzählen. Auch welcher Ausländer welcher Nationalität (es waren viele Deutsche darunter) welches Haus gekauft und mehr oder weniger originalgetreu hergerichtet hat.

Dann zeigte er mir sein Atelier, in dem er mir zu Ehren eine kleine Ausstellung arrangiert hatte. Sie trug den Namen „Beute Kunst“ und stellt einerseits die Verbindung zu meinen Aktivitäten in der Erinnerungsarbeit her und andererseits die vielen Menschen und Institutionen dar, die mit geraubter Kunst in Verbindung stehen. Lange unterhielten wir uns über dieses Thema. Sein Gedanke, im Mainzer Haus des Erinnerns eine entsprechende Ausstellung zu organisieren, werde ich nach meiner Rückkehr mal mit Conny besprechen. Klingt jedenfalls in der sehr frühen Ideenphase vielversprechend, auch und insbesondere für das Haus des Erinnerns.

Nach der Siesta und dem Kaffee spazierten wir an der Strandpromenade in El Molinar entlang und saßen später beim Apéritif in der untergehenden Sonne.

Fotos aus dem Atelier oder dem Wohnhaus gibt es auf Wunsch der Gastgeber keine.

24.9.
Nach dem Frühstück ging es heute auf einen längeren Spaziergang durch das Hinterland von Llucmajor. Überall nur Pampa mit ein paar vereinzelten Bauernhöfen, einige davon verlassen. Ulysses und ich unterhielten uns angeregt über die Gegenwart und die Vergangenheit, und ich erfuhr eine Menge über die Geschichte der Insel und ihrer Bewohner. Eine kurze Lese- und Ausruhzeit kam danach sehr gelegen.

Zum Mittagessen hatte Sabine viel frisches Gemüse und die beiden von gestern übrigen Wachteln zubereitet. Wir sprachen den Speisen ordentlich zu, unterhielten uns angeregt und machten Pläne für den Nachmittag.

Im Anschluss an eine kurze Siesta fuhren wir zum Santuari de Cura, einem der drei Klöster auf dem Berg bei Randa, wo wir die Rundumaussicht über die gesamte Insel genossen. Das Wetter war geradezu prädestiniert dazu: Blauer Himmel mit dekorativen Wolken, sehr klare Luft und Sonnenschein bescherten Blicke über Mallorca und seine Nachbarinseln in einer Deutlichkeit, die nicht zu überbieten war. Sabine musste hier oben natürlich auch Fotos der beiden Mombacher Buben machen. Ein Kaffee und ein Stück Kuchen waren Pflicht, bevor es zum dritten Kloster (das zweite ist nicht öffentlich zugänglich) ging. Hier wird Sabine dieser Tage eine Lesung aus einem ihrer Bücher über Mallorca halten.

Wieder zurück zuhause trafen wir uns auf der oberen der beiden Terrassen zum Apéro und leichten Abendessen, stilvoll mit ein paar Schälchen Taittinger Champagner begossen. Unsere angeregte Gespräche führten wir später, die Sonne war irgendwann untergegangen und es war entsprechend kühl geworden, im Innern des Hauses fort. Bei einem abschließenden Gläschen lokalen Wermuts hörten wir noch einige schmissige Schlager aus den 1950er Jahren, die die beiden auf original Schellack-Platten(!) mit 78 Umdrehungen abspielen konnten. Herrlich und lustig.

25.9.
Nach dem späten Frühstück machten Ulysses und ich einen Spaziergang in die Stadtmitte auf den zentralen Platz. Dort erstand er im lokalen Zeitungs- und Zeitschriftenladen die neuesten Ausgaben der „Mallorca Zeitung“ und des „Mallorca Magazins“.  Diese beiden Blätter erscheinen hier wöchentlich in deutscher Sprache und enthalten so ziemlich alles, was an Gossip für die deutsche Community wichtig sein könnte. Das sei auch der einzige Grund, warum er die kaufe, erklärte mir Ulysses, weil sie doch ab und an bei Empfängen oder anderen Anlässen mit Deutschen auf Mallorca Kontakt hätten und man da nicht so ganz uninformiert auftreten mag.

Später fuhren wir mit den Fahrrädern über Land. Eine knappe Stunde waren wir unterwegs, wiederum im Hinterland von Llucmajor. Sehr still und einsam ist dort alles. Lediglich zwei müde Kläffer konnten sich dazu aufraffen, uns ein freundliches „Bon dia“ zuzubellen.

Zum Mittagessen fuhren wir nach Sa Rapita an der Ostküste Mallorcas, wo ich die beiden in einem sehr schönen Restaurant zu einer leckeren Paella mit ein paar kleineren Schweinereien zur Vorspeise und einem lokalen Rosé einlud. Mit direktem Blick auf das heute sehr ruhige und glatte Mittelmeer speisten wir vorzüglich, verzichteten auf ein Dessert und schlossen mit drei „Cortados“ ab.

Im Anschluss an die allfällige Siesta zuhause und durch einen Kaffee wieder einigermaßen aufgeweckt führte mich Ulysses in seine Arbeiten an Kupferstichen ein. Er ist ja in Europa der letzte Künstler, der diese Technik noch wie die alten Meister beherrscht. Abschließend hörten wir noch zusammen zwei Orchesterstücke von György Ligeti und tauschten uns sowohl über die bildende als auch über die musikalische Kunst aus.

Während eines dreiviertelstündigen Spaziergangs durch die Fußgängerzone und über die Plätze Llucmajors konnte ich anschließend meine Gedanken einigermaßen ordnen, bevor der Tag bei einem leichten Abendessen und vielen lustigen Gesprächen später allmählich ausklang. Mal sehen, wie meine Nacht wird, nach all den intensiven Eindrücken des Tages.

26.9.
Nach dem Frühstück spazierten Ulysses und ich über den Wochenmarkt in Llucmajor. Leider war meine Suche nach einem Gürtel, weil ich meinen wohl zuhause vergessen hatte, nicht von Erfolg gekrönt. Auf dem Rückweg gönnten wir uns noch einen Café con leche im Café Colón, einem Café von 1928, das noch im original Jugendstil eingerichtet ist. Auf dem Rückweg besuchten wir das Fotografie-Museum mit seiner Ausstellung von Bildern Toni Catanys, eines Einheimischen, der sehr interessante und wunderbare Fotos (in der Regel schwarz-weiß) auf der ganzen Welt gemacht hatte. Das war sehr inspirierend und spannend. Ein tolles Museum hinter sehr unscheinbaren Mauern.

Leichtes Mittagessen und ein Siesta folgten wie üblich. Danach machten wir einen kleinen Ausflug wiederum in Richtung des Dorfes Randa, in dessen Nähe wir einen längeren Spaziergang zu einer steinalten Einsiedelei mit Kapelle aus dem zwölften Jahrhundert machten. Auf dem Rückweg hielten wir in Randa Dorf, um auf der Terrasse der Cellar Bar Randa Apéro und ein kleines Abendessen kombinierend den Tag ausklingen zu lassen. Die Sonne war schon untergegangen, der kleine zunehmende Mond schien, die Beleuchtung im Dorf und rund um die Bar zauberten eine sehr schöne spätsommerlich-gemütliche Atmosphäre.

Der Abend klang mit vielen Erzählungen bei einem letzten roten Wermut zuhause aus. Morgen geht es früh los und zur Fähre, die den ganzen Tag für die Überfahrt nach Barcelona benötigen wird. Da kann ich diese vier herrlichen Tage auf Mallorca nochmal in Ruhe Paroli laufen lassen.

27.9.
Sabine und Ulysses hatten ein frühes kleines Frühstück vorbereitet, wie wir gestern Abend noch besprochen hatten. „Ich mag keine Abschiede“, sagte Ulysses und nahm mich sichtlich bewegt in den Arm; ebenso Sabine, die sich sogar für meinen Besuch bedankte. Dabei war es doch an mir, für die Gastfreundschaft und die vier schönen Tage dankbar zu sein. Wie auch immer: Wir einigten uns. Mein Motorrad holte ich aus der Garage, schnallte das Gepäck darauf fest und mit einem kurzen Abschieds-Wink ging es in Richtung Palma.

Bis zum Hafen war es einfach, dann wurde es mal wieder kompliziert, denn es galt, die Fähre und ihren Abfahrtspunkt in Palmas Hafen zu finden. An der ersten Stelle, an der ich mich erkundigte, lautete die Antwort der sichtlich noch nicht ausgeschlafenen Dame: „Other company. Next building.“ Dreimal um den Pudding gefahren erreichte ich das „next building“, aber da war gar nichts. Also nochmal durch drei Kreisverkehre zur nächsten Einfahrt geeilt, wo mich ein Polizist zwei Kilometer weiter in die Nähe der Kathedrale schickte. Glücklicherweise erwies sich dieser Hinweis als Treffer, denn genau dort war die Einfahrt zum Boarding auf meiner Fähre. Wieder mal Glück gehabt, dass ich früh dran gewesen bin, und wieder mal geärgert, dass die Fährgesellschaften keine exakten Angaben zu den Terminals machen, an denen ihre Schiffe ablegen. „Port Palma“ war denen in diesem Fall genau genug.

Nach ein wenig Wartezeit ging es dann ähnlich wie bei Autorennen hinter zwei Pacecars her, die das halbe Dutzend Motorradfahrer durch ein Gewirr von Fahrspuren und Kreisverkehren über das Gelände bis zur Fähre geleiteten. Also auf der Fähre war ich dann schon mal und machte noch ein paar Bilder von Palmas Hafen.

Die letztendlich acht Stunden Überfahrt vertrieb ich mir mit lesen, einem PowerNap und Spaziergängen über die Decks. Es galt, Zeit totzuschlagen. Aber die nutzte ich auch, um die vergangenen Tage noch einmal zu überdenken.

Durch den um 20 Uhr immer noch heftigen Verkehr kämpfte ich mich unter anderem vorbei an einem Schlagerkonzert bis zu meinem Hostal, das mir sogar einen Stellplatz in der Garage gegenüber reserviert hatte. Sehr nett, und zum Glück hatte ich vorher mehrfach nachgefragt. Im Supermarkt um die Ecke erstand ich noch ein paar kleine Dosen Bier gegen meinen brennenden Durst – irrtümlicherweise mit Granatapfel, war aber nicht so schlimm. Ein Sandwich um 17 Uhr auf der Fähre war ja schon mein Abendessen gewesen.

Fazit der Tage: Das war wirklich ein schöner Kurzurlaub auf Mallorca, ich habe bei lieben Menschen gewohnt, interessante Gespräche geführt, eine Menge gelernt und mich gut erholt. Morgen geht’s dann erst mal ohne Frühstück (gibt’s hier nicht) auf die Piste in Richtung Pyrenäen. Ich freu mich drauf.