La Vancelle - Pontarlier
La Vancelle ist ein stilles kleines Bergdörfchen, das sogar über ein Spa- und Wellnesscenter verfügt, ideal für den von der Hektik der Zivilisation zurückgezogenen Urlaub. Absolute Stille herrscht dort: keine Flugzeuge, nur ab und an ein Auto, selbst die Vögel geben sich zurückhaltend. Ruhe allenthalben. Das gilt allerdings nur, wenn kein Wolkenbruch hernieder geht. Von einem solchen bin ich letzte Nacht mehrfach geweckt worden. Entsprechend pitschenass war heute morgen mein Motorrad, das ich zunächst einmal mit einem meiner mitgebrachten Läppchen notdürftig trockenreiben musste.
Nach dem französischen Frühstück (es war noch niemand vom Service zu sehen, also stibitzte ich mir ein Baguette vom Nachbartisch – der zwischenzeitlich aufgetauchte Knabe reichte kurz vor Schluss noch einen Croissant dazu) packte ich meine Sachen, belud das Motorrad und fuhr gegen zehn Uhr los. Die umliegenden Hügel waren noch in dicke Wolken gehüllt, der Himmel war dunkelgrau und verhieß nichts Gutes. Ausnahmsweise hielt sich das tatsächliche Wetter einmal an das vorhergesagte: Es war kühl, nur knapp über zehn Grad, und auf meinem Weg gen Süden geriet ich immer mal wieder in einen Schauer.
Die herrliche Landschaft, satt grün, hügelig, bergig gar, bewaldet und bewiest, zog in unzähligen Kurven auf den kleinen Nebenstraßen an mir vorbei. Zwischen zwei Schauern reichte die Zeit am Col de Mandray immerhin für eine kurze Zigarettenpause und ein Beweisfoto. Muss das hier schön sein, wenn das Wetter gut ist. Zwei Stunden fuhr ich, gemächlichen Tempos, den Schlangenlinien der Bergstraßen folgend durch die oberen Vogesen, bis endlich kurz vor dem Col des Croix der Himmel aufriss und doch tatsächlich die Sonne hervorkam. Also schnell einen Stopp am Pass eingelegt, ein Foto und ein Video gemacht.
Gerade packte ich mich für die Weiterfahrt ein, da hielt ein Ehepaar auf zwei Adventure-Bikes aus dem Landkreis Backnang neben mir. Sie waren vom Süden her auf dem Heinweg, und als sie vernahmen, wo ich hin will, schlug der Gatte vor, ob man denn nicht umdrehen wolle. Aber nein, die Dame wollte nach Hause. Mit den üblichen Wünschen für eine gute und schöne Fahrt verabschiedeten wir uns voneinander, die beiden dem Regen entgegen, dem ich gerade entkommen war, ich der Sonne entgegen, dachte ich.
Das stimmte auch, wenn auch immer wieder Regentropfen mein Visier benetzten. Aber immerhin goss es nicht mehr wie noch am Vormittag. Die vielen Pässe, über die ich eigentlich hatte fahren wollen, hatte ich mir wegen des schlechten Wetters schlichtweg gespart und strebte dem beliebten Motorradtreffpunkt „Hôtel des Terrasses“ in St. Hippolyte entgegen. Wunderschöne Strecke, jede Menge Gegend, aber am Zwischenziel angekommen war ich doch ziemlich enttäuscht. Wahrscheinlich lag es an der Uhrzeit (14:30 Uhr), denn am Treffpunkt war nichts los, aber so wirklich gar nichts. Keine Motorräder, noch nicht einmal Gäste – der Laden machte einen mittagsschläfrigen Eindruck.
Pech gehabt und weiter gefahren, auch wenn ich mir eine kleine Pause dort gewünscht hatte. Die kam dann eine knappe halbe Stunde später am Rande der Landstraße in Richtung Pontarlier. Neben einer Pferdekoppel hielt ich an, weil die Natur ihr Tribut forderte. Wildpinkeln ist zwar meine Sache nicht, aber wat mutt dat mutt. Denkste! Kaum hatte ich angehalten und war vom Motorrad gestiegen, da kam auch schon eine junge Dame mit ihrem Lieferwagen (oder war es ein zum Campingbus ausgebauter Kastenwagen?), hielt fünf Meter von mir entfernt und sprach in ihr Smartphone. Zwei Kekse später trollte sie sich zum Glück wieder und ich konnte nur von den beiden grauen Pferden beobachtet meinen Geschäften nachgehen. Ein paar Schlucke Wasser, ein Energieriegel und eine Selbstgedrehte waren das folgende Highlight meiner Pause.
Bis nach Pontarlier, wo ich heute übernachten werde, war es nicht mehr weit. Mein Gugel-gesteuertes Navi fand aber auf dem Weg dahin noch ein paar interessante Abzweigungen, die mich durch winzige Weiler (gibt’s auch große?) und über unebene Nebenstrecken ohne Mittelstreifen führten. Nicht ganz die Qualität der schottischen Single-Track-Roads, aber doch nahe dran.
Der Kreisverkehr direkt am Hotel Ibis Pontarlier war mein Freund: Mehrfach kringelte ich mich durch, um den Eingang zum Hotelparkplatz zu finden. Einmal hin, zweimal her – am Ende fand ich das richtige Loch und stand vor einem Gittertor. Gerade wollte ich auf die Taste der Sprechanlage neben der Einfahrt drücken, um mir Gehör zu verschaffen, da öffnete sich das Rollgittertor wie von Geisterhand und ich konnte meine Maschine direkt auf dem videoüberwachten und mit einem Nachtwächter beglückten (wie mir die Dame an der Rezeption später versichern sollte) Hotelparkplatz abstellen. Zwar hatte ich am Vorabend bereits online eingecheckt, es bedurfte aber noch der Suche nach meiner Zimmerreservierung auf zwei verschiedenen Computern, bis die Rezeptionistin grünes Licht gab und mir meine Zimmerkarte (#101) aushändigte. Letztere funktionierte an der Zimmertür zwar nur nach mehreren Versuchen begleitet von viel Kopfschütteln, aber dann war ich drin.
Einigermaßen in die Reihe geschafft saß ich später auf der Terrasse mit Blick auf meinen neuen Kumpel, den Kreisverkehr, um diesen Bericht zu schreiben. Das von mir dazu bestellte französische „1664“-Bier war aus, also gab es ein belgisches „Grimbergen“, wenigstens im „1664“-Glas. Aach, les Français!
Und noch einmal: Aach, les Français! Das Abendessen im Ibis Hotel Pontarlier erinnerte mich an Francis. Francis war Stromableser bei der EDF in Frankreich und irgendwie in dem Fußballverein engagiert, bei dem ich in den 1980er-Jahren in der französischen Liga spielte. Francis wusste alles, kannte jeden, und konnte alles besorgen. Unnötig zu erwähnen, dass er nordafrikanischer (ich schätze marokkanischer) Abstammung war, was auch gar nichts zur Sache tut, denn Francis war ein Vollblutfranzose. Im Rahmen der Vorbereitungen zu einer größeren Familienfeier konsultierte ich ihn seinerzeit, um zu erfahren, wie und wo und von wem man ein schönes Menü für eine größere Schar Menschen bekommen könnte. Damit war Francis in seinem Element. Sein erster Vorschlag war: „Tu vas chez Lion [Supermarktkette], tu y trouveras tout. T’auras l’apéro, l’entrée, le plat principal, le dessert – et le tout pour pas cher“. „Le tout pour pas cher“ war immer wichtig für Francis, also alles, das komplette Programm, für wenig Geld. Die Sache ist seinerzeit natürlich ganz anders ausgegangen (mit eigens engagiertem Koch, individueller Menüfolge usw. – ebenfalls mit Francis’ Hilfe), ist aber in diesem Zusammenhang nebensächlich. Was wirklich zählt ist die Assoziation zum Abendessen. Ich hatte aus den Plats du Jour einen Salat mit Ziegenkäse sowie eine Lasagne bestellt – alles in der Hoffnung, dass man damit nicht viel falsch machen kann. Das Entrée kam zügig, um nicht zu sagen stante pede, hatte wohl bereits auf mich gelauert. Die Lasagne zum Hauptgericht war übelste Industriepampe. Ich habe keine Ahnung, woraus sie bestand, aber von Ragù alla bolognese, Béchamelsauce oder gar Parmesan war weit und breit nichts zu sehen und zu schmecken. Und damit sind wir wieder bei „Aach, les Français!“. So lange alle Gänge eines traditionellen Menüs (Entrée, Plat principal, Dessert) vorhanden sind, ist der gemeine Franzose zufrieden. Hauptsache, alles da und kostet nicht viel. Ein Blick über die Nachbartische bestätigt diese Theorie leider.
Fazit des Tages: Kalt und nass sind die Vogesen trotzdem schön. Umwege verbessern die Ortskenntnis. La Grande Nation bezieht auch la grandeur de sa cuisine aus der Vergangenheit (es gibt glücklicherweise Überbleibsel). Und dass man im Restaurant jetzt den Ton der Nachrichtensendung auf dem Flatscreen sowohl ein- als auch laut geschaltet hat sagt mir, ich sollte zum Ende kommen und mich schleichen. Is ja gut, Muddi!