Gau-Algesheim - La Vancelle (Wanzel)
Die morgendlichen Regenfälle vorüberziehen lassend machte ich mich erst gegen 10:45 Uhr auf den Weg. Mit etwas Glück, so dachte ich mir, könnte ich einigermaßen trocken zu meinem heutigen Tagesziel in La Vancelle gelangen.
Auf dem Weg zu meinem ersten Pitstop gelang mir das allerdings nicht so wirklich. Immer wieder gab es leichte bis mittlere Schauer, durch die ich gezwungenermaßen durch musste. War aber nicht wirklich schlimm. Das Einzige, was mich ärgerte, war, dass mein bei der Abfahrt noch blitzblank blinkendes Motorrad innerhalb kürzester Zeit eingesaut war, insbesondere wegen des durch die vor mir fahrenden Fahrzeuge aufgewirbelten Straßenschmutzes. OK, wenn’s nichts Schlimmeres ist …
Das Café Nicklis ist ein bekannter und beliebter Motorradfahrertreffpunkt am Johanniskreuz nahe Trippstadt in der Pfalz. Bei meiner Ankunft standen auf dem Schotterparkplatz davor eine große Gruppe österreichischer und eine kleinere Gruppe badischer Motorradfahrer mit ihren Maschinen. Das konnte ich an den Nummernschildern erkennen und auch daran, dass ich weder die einen noch die anderen in ihrem Slang verstand. Zu allem Überfluss hatte das Café geschlossen: also nix mit Pitstop. Mistikack!
Ein paar hundert Meter weiter gibt es das Hotel Restaurant Johanniskreuz, zu dem ich mich notgedrungen begab. Dieses Etablissement ist bei Motorradfahrern eher unbeliebt, denn die Preise sind hoch und das Serviceniveau niedrig. Am Parkplatz davor gibt es zum Glück eine Bude, die Getränke und auch ein paar einfache Speisen auf die Faust anbietet (Genre Bratwurst oder Brühwurst oder Frikadelle, alle im labberigen Brötchen von vorgestern). Also orderte ich eine Brühwurst (der Brat- traute ich nicht über den Weg) und einen Cappucino. Letzterer war so dünn wie das gastronomische Niveau niedrig war, aber immerhin.
Kaum saß ich, kam auch schon ein englisches Ehepaar und nahm am Nebentisch Platz. Wir kamen ins Gespräch, sie waren auf dem Rückweg aus den Alpen, wollten in Bingen übernachten und dann durchs Rheintal gen Küste fahren. Beide trugen Oxford-Sicherheitswesten, obwohl sie aus Cambridge kamen. Meine diesbezügliche Frage zeitigte lautes Lachen. „Ja, stimmt. Wenn wir zurück kommen müssen wir die Marke irgendwie verbergen.“
Nach einer knappen Dreiviertelstunde ging’s weiter durch die regennasse Landschaft im Naturpark Pfälzer Wald. Was ist der schön! Dichter Mischwald, manchmal dunkel, manchmal hell mit Wiesen dazwischen. Den muss ich mir merken für meine Liste der kleinen Tagestouren von Zuhause, die ich führe.
Die Ortschaften wurden kleiner, die Straßen enger – und plötzlich war ich in Frankreich. Die Grenzregion ist ja so ein bisschen das Stiefkind Europas. Viele Häuser stehen zum Verkauf, die Dörfchen am Wegesrand machen manchmal einen ausgestorbenen Eindruck. Aber die Landschaft ist sagenhaft.
Vom Naturpark Pfälzer Wald ging es praktisch ohne Übergang in den Parc National des Vosges du Nord. Weiterhin Wald en abondance, dann Felder mit hauptsächlich Mais und Hopfen, und dann endlich die Elsässer Weinberge. Die Vogesen zeigten sich auch schon am Horizont, es duftete nach gekelterten Trauben, feuchter Landschaft – herrlich.
Es ging auf halb vier, da verlangt der deutsche Tourist nach Kaffee und Kuchen. Eine Boulangerie/Patisserie mit Salon de Thé konnte dieses Bedürfnis befriedigen, in Form eines Cappucino plus Éclair au chocolat. Miam miam! Am Nebentisch beriet eine Dame eine andere stakkatoartig hinsichtlich des Umgangs mit einer bestimmten Küchenmaschine: „Ja, das Modell C500, mit dem habe ich auch mal angefangen.“
Nur noch wenige Kilometer bis zu meiner heutigen Herberge, einem kleinen Hotel in La Vancelle. Einfach, aber sympathisch und familiengeführt. Zum Abendessen musste ich natürlich voll die regionalen Kracher bestellen: Jambonneau Munster avec Spaetzle. Dazu ein Pinot Gris von „um die Ecke“ – mehr Regionalität war schwierig. Der Jambonneau schaffte mich finalement, nicht ich ihn. Wobei ich zu meiner Verteidigung anführe, dass er immerhin von Käsesauce und Spaetzle assistiert wurde. Drei gegen einen ist halt nicht fair.
Fazit des Tages: Der Pfälzer Wald ist eine Exkursion wert, herrlich zu fahren, trotz oft nasser Straßen. Es war ein langer Fahrtag: Mit Umwegen etwa 300 Kilometer, aber einigen Pausen und keinerlei Stress. Ich freue mich auf morgen, wenn es durch die Vogesen geht. Muss allerdings dringend tanken; meine Reserveanzeige jammert schon seit geraumer Zeit. Micki hätte viele Tage an den Knochen des Jambonneau zu knabbern. Und die 80er-Jahre-Schlager zum Abendessen hätte ich auch nicht unbedingt gebraucht.