Draguignan - Aix-en-Provence

Nachdem es noch kurze Verwicklungen bezüglich meiner Zahlung des Hotelzimmers gab (die Dame berechnete irrtümlich das Frühstück doppelt und musste meiner Kreditkarte den Betrag anschließend wieder gutschreiben, was dauerte) konnte ich mich endlich zu meinem großen Tageszwischenziel begeben: den Gorges du Verdon. Fahrzeit „une petite heure“, wie der Franzose sagt. Also erst mal aus Draguignan rausgekringelt und Höhe gewonnen. Auf dem Plateau fuhr es sich angenehm, die Temperatur lag bei etwa 22 Grad und es ging kein Lüftchen. Über die für hiesige Verhältnisse gut ausgebaute Strecke mit natürlich reichlich Kurven kam ich dem „Canyon du Verdon“ immer näher.

Andauernd hätte ich anhalten können, um Fotos zu schießen; Machte ich auch oft genug, denn die Landschaft war einfach zu schön. Schon von weitem waren die enormen Risse in der Erdkruste zu sehen, dicht bewaldet zwar, aber deutlich. Dann der erste Blick von der Anhöhe der Straße in die Tiefe der Schlucht. Wow! Ein Stück weiter, direkt neben dem „Hotel du Canyon du Verdon“, legte ich eine Fahrpause ein, blickte, fotografierte und filmte nach unten, nach links und nach rechts, was das Zeug hielt. Eine kurze Ansprache war notwendig, um meine Eindrücke auch in gesprochene Worte zu fassen. La „Bière des Gorges“ probierte ich natürlich nicht; dafür war es noch zu früh am Tag und ich wollte ja nicht mehr Kurven fahren, als die Straße vorgab.

Immer wieder musste ich anhalten, um mir die spektakuläre Landschaft anzusehen. Die Bilder geben das leider nur sehr sparsam wider.

Ein paar Kilometer weiter kam dann auch schon der „Lac de Sainte-Croix“ in Sicht, ein riesiger Stausee, der als Trink- und Löschwasserreservoir genutzt wird. Zum Baden natürlich auch. Die Sache mit dem Löschwasser hatte ich live beobachten können, als ich vor etwa einem Vierteljahrhundert mit den Mädchen im Urlaub hier zum Baden war. Da flogen die gelben sogenannten Canadair (diese Vokabel habe ich seitdem nicht mehr benutzt) im Minutentakt Einsätze, setzten auf dem Wasser auf ohne anzuhalten, nahmen davon so viel wie möglich in ihren Tanks auf und flogen gen Westen, um dort Waldbrände zu löschen. Auch das war ein Spektakel.

Der Verdon, das Flüsschen, das durch diese tiefen Schluchten fließt, speist den Lac de Sainte-Croix, und an seiner Mündung fahren die Touristen zuhauf mit elektrisch betriebenen Booten oder „Pedalos“ hin und her. Heißa, muss das ein Spaß sein.

Von dort fuhr ich um die Nordspitze des Sees bis nach Sainte-Croix, dem Örtchen, das dem See seinen Namen gibt. Mit Blick aufs Wasser machte ich an einer „Snack“-Bude Mittagspause bei Cola (diesmal einer echten mit Zucker) und einer Crêpe complète (fromage, jambon, oeuf). War das friedlich. Weil die Saison zu Ende ging barg der Betreiber des naheliegenden Tretbootverleihs schon seine Schätzchen. Mit seinem Pickup inklusive Hänger holte er unter kräftiger Mithilfe eines weiteren Menschen ein Pedalo au Tobbogan aus dem Wasser. Ist das schön, anderen in aller Gemütsruhe bei der Arbeit zusehen zu können.

Weiter ging es nun über die nach den Gorges weniger spektakuläre Hochebene in Richtung Aix-en-Provence, wo ich mein heutiges Lager aufzuschlagen gedachte. Kurz hinter Sainte-Croix musste ich allerdings noch einen Abstecher nach Montpezat machen. Hier hatten die Mädchen und ich (ich erwähnte es) vor vielen Jahren zusammen Urlaub gemacht. Wenige Jahre später waren wir sogar noch einmal mit Friderike dort, die ich zwischenzeitlich kennengelernt hatte. Das Ferienhaus in Montpezat, vermietet von einem sehr freundlichen Menschen mit einem Namen, der mit M begann (Marcel, Maurice oder so, weiß aber nicht mehr), habe ich wieder gefunden. Die Esel, die Toyah so gut gefallen hatten, waren leider nicht mehr da.

Die Erinnerungen an diesen Urlaub kamen wieder hoch, insbesondere an eine Begebenheit. Aus mir heute unerfindlichen Gründen hatten wir unsere Fahrräder mitgenommen, um damit vom Ferienhaus zum See zu fahren. Wahrscheinlich hatte ich darauf gedrängt. Wie auch immer: Als wir zum ersten Mal zum See radeln wollten, klagte Toyah schon nach 50 Metern: „Ich kann nicht mehr!“. Irgendwie habe ich es wohl trotzdem geschafft, die Mädchen per Fahrrad bis zum See zu bringen, wo wir einen schönen Sommerurlaubstag verbrachten. Als es an die Heimfahrt ging, war Streik angesagt. Sie wollten und konnten (behaupteten sie) nicht mehr mit dem Fahrrad zurück fahren. Alles Zureden half nichts, und so musste ich wohl oder übel das Auto holen und die beiden derweil alleine am See zurücklassen. Blut und Wasser schwitzend und einem Infarkt nahe raste ich in höchstem Tempo mit dem Fahrrad die paar Kilometer bis zum Ferienhaus, sprang ins Auto und heizte wie ein Wilder zurück zum See. Natürlich war alles gut, die Kinder hatten mit anderen am Seeufer gespielt. Von da an blieben die Fahrräder stehen.

Die letzten gut 30 Kilometer bis Aix-en-Provence fuhr ich über kleine und kleinste Straßen, sehr hübsch, aber zum Vorankommen nicht geeignet. Mehr als 40 km/h waren nicht drin, weil hubbelig und kurvig. Immer mal wieder passierte ich ein Schild „Chaussée déformée“, dann wurde es schlimmer. Die Ausbesserungsarbeiten liefen auf Hochtouren, wie ich an einigen Baustellen feststellen konnte, an denen zwei Dutzend schwitzende Kerle im Höllenlärm der Asphaltmaschine neuen Fahrbahnbelag auftrugen. Der allerdings war genauso uneben wie der darunter.

In Aix fuhr ich zweimal ums Hotel herum, weil ich das Loch zum Reinfahren nicht gefunden hatte. Nach meinen üblichen Verrichtungen sitze ich jetzt in einer Brasserie in der Fußgängerzone bei einem „Tuborg Pression“. Bier hatten sie leider nicht. Les deux salopes am Nebentisch, denen ich den Aschenbecher ausgeliehen hatte, sozialisieren diesen nicht mehr. Ich muss jedesmal fragen, ob ich ihn kurz benutzen darf. Und die Müllabfuhr rumpelt zur Tagesschauzeit durch die Fußgängerzone, die Tische und Stühle der draußen sitzenden Gäste nur knapp verfehlend. Aach, la France!

Fazit des Tages: Die Gorges du Verdon sind époustouflant. Von der Quelle bis zur Mündung mit dem Boot zu fahren – falls das überhaupt geht – wäre bestimmt ein großes Abenteuer. Jahrzehnte alte Erinnerungen sind plötzlich wieder lebendig, und bei dem Gedanken an die Aktion brach mir heute während der Fahrt erneut der Schweiß aus.

Bewegte Bilder:

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