Contres - Sens

Eine animierte Nacht ging zu Ende. Zunächst fegte ein Ausläufer des Sturmtiefs über Schottland über die Landschaft. Er brachte ordentlich Regen und Wind, sodass mein Verhüterli (aka Regenschutz) auf dem Fahrersitz heute morgen halb heruntergeweht war. Entsprechend nass war die Sitzfläche. Um 3:07 Uhr erwachten auch die 38 Rauchmelder im Haus zum Leben und plärrten ihren falschen Alarm durch die Gänge des Manoir de Contres. Weil es sowas gestern Abend schon mal gegeben hatte und es von Rauch keine Spur gab versuchte ich, zumindest die Heulboje vor meinem Zimmer zum Schweigen zu bringen. Nach ein paar Minuten und diversen Fehlversuchen gelang mir das auch, indem ich mich auf einen aus meinem Zimmer herbeigeholten Stuhl stellte und das Ding humorlos aus seiner Halterung drehte. Im übrigen Gebäude jammerte es aber weiter fröhlich vor sich hin. Deshalb begab ich mich eine Etage tiefer, um zu sehen, ob ich dort etwas tun kann. Nach ein paar Augenblicken herrschte wie von Geisterhand wieder Stille.

An Schlaf war zunächst nicht mehr zu denken, aber nach einigen Seiten Lektüre fielen mir dann doch wieder die Augen zu. Die Gastgeber wohnen im ehemaligen „Maison du Gardien“ rechts neben der Einfahrt zum Park und hatten natürlich nichts von dem Alarm mitbekommen.

Beim Frühstück erzählte ich von der Aktion, woraufhin man pflichtschuldig um Entschuldigung bat. Leider hätten die Rauchmelder seit kurzer Zeit solche Einfälle, vielleicht müsse man sie austauschen, was bei 100 Euro pro Stück aber eine gewaltige Summe Geldes bedeute. Allerdings sei der Spuk immer nach fünf Minuten zu Ende. Wenn ich das heute Nacht gewusst hätte …

Wir, die Gastgeber Maria, Victor und ich, unterhielten uns geraume Zeit über Frankreich, Deutschland, die gemeinsame Politik, zweisprachige Erziehung von Kindern und vieles mehr. Irgendwann spürte ich, dass die beiden Herrschaften ihrem Tagesgeschäft nachgehen mussten, packte in Ruhe meine Sachen und machte mich auf den Weg in Richtung Nordosten. Die Stadt Sens war mein nächster Anlaufpunkt. Der Motor lief schon, da kam Maria noch mit einem kleinen Gastgeschenk angerannt: Ein Tellerchen als Andenken an das Manoir de Contres. Fand ich sehr nett, auch wenn dessen Unterbringung in meinem bereits verschnürten Gepäck eine Herausforderung war.

Kurz vor elf Uhr, zwischen zwei Schauern, brach ich also auf und fuhr zunächst vornehmlich durch Mischwälder, die nur gelegentlich von Feldern und Weiden unterbrochen wurden. Zwar rollte es ganz ordentlich, aber das Rückseitenwetter setzte mir zu. Nachdem nämlich irgendwann der Regen aufgehört hatte und von teilweise Sonnenschein ersetzt worden war wurde es richtig kalt und stürmisch. Häufig fuhr ich auch auf geraden Strecken in Schräglage, mal mehr, mal weniger, weil der Seitenwind so stark war.

So bretterte ich durch die Landschaft, über kleine und kleinste Straßen, durch scheinbar ausgestorbene Ortschaften und über gut ausgebaute Routes Départementales und Nationales. Es war wenig los, sodass ich ordentlich Meter machen konnte. Zwischendurch schauerte es immer wieder. Einen Haltepunkt an einem Café fand ich aber leider nicht; entweder gab es keines oder es war geschlossen. Trotzdem hielt ich zweimal am Straßenrand, um wenigstens meine tauben Finger wieder etwas aufzuwärmen, denn es war richtig kalt.

Dass es kein Café gab, nervte mich wirklich. Also war ich gezwungen, einfach weiter zu fahren, mal schneller, mal langsamer. Deshalb gibt es auch nur ein armseliges Foto von der heutigen Strecke.

Nach vier Stunden Fahrt erreichte ich dann endlich mein Hotel in einem größeren Gewerbegebiet außerhalb von Sens. Die heiße Dusche fiel heute etwas länger als sonst aus, weil ich bis auf die Knochen durchgefroren war. Selbst jetzt habe ich noch kalte Füße.

Fazit des Tages: Außer über das Wetter eigentlich nichts zu berichten. Flache bis sanft geschwungenen Landschaft, gutes Vorwärtskommen, aber keine fotografisch festzuhaltende Höhepunkte. Zwischendurch hatte ich echt überlegt, wegen dieses Scheißwetters einfach weiter zu fahren und vielleicht schon einen oder zwei Tage früher zuhause anzukommen. Von wegen: Die Rückfahrt einer Reise sollte nicht unterschätzt und entsprechend genossen werden. Ha! Am Arsch die Räuber!