Clermont en Argonne - Thal­lich­ten­berg

Nach dem sehr reichlichen Frühstück, von dem ich nur weniger als die Hälfte schaffte, fuhr ich gegen zehn Uhr in den morgendlichen Nebel. Eine richtige Suppe war das, höchstens 50 Meter Sichtweite, und gerade mal acht Grad. Da mussten sowohl mein Motorrad als auch ich sehr langsam auf Betriebstemperatur kommen und ich fuhr entsprechend langsam. Vom Nebel ging’s dann irgendwann in die tiefhängenden Wolken; die Sonne machte Anstalten, ein paar Strahlen durch den Dunst zu schicken, schaffte es aber nicht.

Mein erster Anhaltspunkt war Verdun mit seinen Gedenkstätten an Krieg und Tod. Dabei ging es zunächst um Vaterlandsliebe und Nationalstolz, die massenhaften Gräber kamen erst später. „Allez où la patrie et l’humanité vous appellent“ wird Baron Percy zitiert. Mit dem Ruf des Vaterlands wurden zehn- bzw. hunderttausende an die Waffen gelockt. Dabei war es nie das Vaterland selbst, sondern immer die Menschen, die aus dem Krieg persönliche, politische oder gar finanzielle Vorteile ziehen wollten, die laut wurden. Die armen Teufel, die sich voller Stolz zum Militär begaben, um „la patrie“ zu verteidigen, kehrten selten lebend oder gar unversehrt heim und wurden im Nachhinein zu Helden stilisiert. Die meisten von ihnen liegen irgendwo verscharrt, einige unter einem der vielen weißen Kreuze auf den Soldatenfriedhöfen, und zwar Franzosen und Deutsche weiterhin schön getrennt.

Das Wetter passte zu diesem traurigen Thema, die Landschaft wollte auch kein Stimmungsaufheller sein. So fuhr ich durch die zunehmende Kälte über kleinste Straßen oder gut ausgebaute Strecken in Richtung Deutschland.

Im Grenzgebiet auf französischer Seite war es endgültig aus mit Bars, Bistros oder Cafés am Straßenrand. Scheinbar schien hier genauso wie auf der anderen Seite der Fokus auf „schaffe“ zu liegen. Monsieur Claverie würde es hier keine Woche aushalten.

In der Gegend von Metz musste ich deshalb an einer Total-Tankstelle anhalten, tanken und einen Kaffee trinken. Hier war der Teufel los. Scheinbar hatte der Pächter einen Vertrag mit dem Amazon-Lieferdienst, denn die typisch grauen Lieferwägen (ohne Amazon-Beschriftung) standen in langer Reihe auf der Straße, die Freigabe der Zapfsäule durch den Kollegen erwartend. Offenbar hatte ich Glück, mich dazwischen mogeln zu können, jedenfalls war meine Wartezeit bedeutend kürzer als die der anderen. Während ich so da stand und dem Treiben zusah versuchte ich, die Kommunikation zwischen den Fahrern zu entschlüsseln. Es gelang mir nicht, schien aber das lokale Idiom zu sein, denn auch die Dame an der Kasse stimmte mit ein.

Die Grenze war eine Enttäuschung, weil es gar keine gab. Was dem europäischen Gedanken verpflichtet wiederum positiv zu sehen ist. Dass ich von Frankreich nach Deutschland gewechselt war bemerkte ich lediglich an einem gelben Ortsschild, das plötzlich auftauchte.

In St. Wendel fuhr ich mal an dem Haus vorbei, in dem wir gewohnt hatten. Es stand noch, war etwas aufgehübscht, aber immer noch genauso hässlich. Am Ortsausgang gab es endlich eine kleine Bäckerei, wo ich einen heißen Kaffee und eine Nussecke bekommen konnte, bevor es auf die letzten Kilometer in den westlichen Pfälzer Wand nach Thallichtenberg gehen sollte.

Fazit des Tages: Die Rückfahrt erinnert mich an die meiner Schottland-Reise, denn es ist kalt und regnerisch. Das Hotel Burgblick macht seinem Namen alle Ehre, wie ein Blick aus meinem Zimmerfenster bestätigt. Und die Dame des Hauses schlich ab 18 Uhr auffordernd um mich herum, doch endlich meine Bestellung für’s Abendessen aufzugeben. Nach Wochen wieder in Deutschland gibt’s kein SchniPoSa, sondern ein Schnitzel Wiener Art mit Bratkartoffeln und Salat (Hausdressing, ungefragt). Kaum hatte ich bestellt, ging auch schon das Geklopfe in der Küche los. Manche Dinge ändern sich halt nie.

Bewegte Bilder:

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