Beaufort - Termignon

Die Hotelbesitzer scheinen Sachsen zu sein (das Land der Frühaufsteher, wenn man den Hinweisschildern an der A4 in Richtung Dresden Glauben schenken darf), denn Frühstück gab es heute nur von sieben bis neun Uhr. Das verhieß einen frühen Aufbruch. Das Wetter war lustig bis wolkig und wir hatten schon angenehme Temperaturen jenseits der zehn Grad-Marke. Der witzige Aschenbecher stand am Vorabend noch nicht da, aber sowas muss ich einfach fotografieren.

Also auf zum Col du Miraillet, den ich schon nach einer knappen Dreiviertelstunde Fahrt durch die bewaldeten Schluchten erreichte. Gar nicht spektakulär, aber ein Niederländer hielt zeitgleich mit mir dort oben im leichten Nebel an und musste mir auch direkt von seiner ungeplanten Tour erzählen. Toll!

Nach fünf Minuten Foto- und Gesprächspause ging es auch schon weiter über eine mutmaßliche Tour de France-Strecke, den Zeichnungen auf der Straße nach. Sehr schön zu fahren, aber absolut nichts zu sehen, weil ich durch die niedrige Wolkendecke hindurch weiter nach oben bis zum Cormet de Roselend auf fast 2.000 Metern Höhe wollte und stellenweise höchstens 20 Meter Sichtweite hatte. Ein Lüneburger VW-Bus fuhr gemächlich vor mir her, und dessen Fahrer schien während der Fahrt zu frühstücken. Also bei der ersten Gelegenheit überholt und dem Pass entgegen gestrebt.

Dort oben gab es einen nicht guten, aber wenigstens warmen Kaffee für zwei Euro an einem Verkaufsstand mit regionalen Produkten. Drei Motorradfahrer aus der Bretagne hielten neben mir und, wie sollte es anders sein? –Wir kamen ins Gespräch. Sie waren Mitglieder im „Poussin Moto Club“, einer Clique, die sich nach einem Mitglied (Poussin) nach dessen Unfall im Rollstuhl sitzend benannt hatte. Besagten Poussin nahmen sie überall hin mit, trugen ihn in seinem Rollstuhl, wenn es nicht anders ging, über Hindernisse, wobei er immer verkündete: „T’inquiètes – ça passe !!!“ wenn seine Träger unsicher waren, ab sie es schaffen würden. Eine schöne Geschichte, fand ich.

Oberhalb der Wolkendecke war es sonnig, wenn auch kühl. Ein paar Touristen (auch wieder die Lüneburger) sowie einsame Wanderer (wie gendert man die?) und -innen kamen vorbei; sonst war nichts los. Zeit also für ein paar Bilder. Die vermeintliche Ziellinie der Tour de France hier oben auf dem Pass musste ich natürlich auch auf Zelluloid bannen. So ließ ich mir eine gemütliche halbe Stunde Zeit, um mich umzusehen und ein bisschen spazieren zu gehen.

Nun ging es noch einmal fast 1.000 Meter weiter hinauf zum Col de l’Iseran, vorbei am Lac de Tigne und durch Val d’Isère, dem bekannten aber hässlichen Wintersportort. Hier oben war schon mehr los. Ständig Rad- und Motorradfahrer, die sich auch gerne vor dem Pass-Schild positionierten, sodass es zu einer regelrechten Warteschlange kam, um das Teil mal ohne Nasen vor die Linse zu bekommen. Ein Hamburger und ein Berliner Motorradfahrer gesellten sich zu mir und wir plauderten ein wenig. Die mir angebotene halbe Quiche de Beaufort lehnte ich aber dankend ab. Eigentlich wollte ich hier eine Mittagspause mit einem kleinen Imbiss machen, das nächste Café war zwar ausgeschildert, aber gut fünfzehn Minuten Fußweg entfernt. Nö Danke. Die Gegend hier oben ist karstig, weil oberhalb der Baumgrenze, also kein Baum, kein Strauch – nur Steine. Immerhin war der Himmel mittlerweile schön blau geworden und die Sonne strahlte, wenn auch nicht sehr warm. Naja, kein Wunder bei der Höhe!

Die Abfahrt vom Pass war dann stellenweise schwindelerregend, weil es links oder rechts der Straße fast senkrecht nach unten ging. Die Absperrung bestand, wenn denn mal eine da war, aus dünnen Stäbchen, die mit einer Schnur verbunden waren. Nicht sehr vertrauenerweckend, das. Mehr als einmal wurde mir beim Blick in den Abgrund mulmig, wenn ich mich z.B. in einer Kurve dem Straßenrand auf einen halben Meter näherte. Uahaa!

Auf dem Weg ins Tal passierte ich noch den „Col de la Madelaine“, der eigentlich nur aus einem Schild am Straßenrand bestand. Fast hätte ich es übersehen.

Meine Mittagspause war ja ausgefallen, ich war noch relativ früh dran, da wollte ich doch gern irgendwo einen Stopp einlegen und mir zumindest ein Sandwich oder so gönnen. Auf einen Café au Lait und einen Éclair au Chocolat in einem Salon de Thé wie die vergangenen Tage hatte ich nun wirklich keine Lust. Gar nicht so einfach, etwas zu finden, denn nach 14 Uhr sind alle Restaurants geschlossen, Bistros oder Cafés gab es keine geöffneten – hm, sah schlecht aus! Wenige Kilometer vor Termignon, wo sich mein Hotel befindet, entdeckte ich in einem Straßendörfchen eine geöffnete Crèperie. Also flugs angehalten und hineingestapft. Der Gastronom hinter der Theke war um diese Uhrzeit wohl gar nicht mehr auf Kundschaft eingestellt, aber für eine Galette mit Raclette, Jambon Cru und Oeuf wollte er seine Platte gerne nochmal anwerfen. So saß ich kauend und weitere Kundschaft anziehend auf der Terrasse am Straßenrand und war zufrieden.

Mein Hotel in Termignon macht einen netten Eindruck. Es liegt am Ortsrand direkt am Ufer eines Flüsschens. Überhaupt ist die Lage sehr nett, und weil ich bis zum Abendessen noch viel Zeit hatte machte ich noch ein paar bewegte Bilder und sabbelte vor mich hin. Ist ja auch mal schön, wenn man ein bisschen trödeln kann.

Das Abendessen im Hotel L’Outa war endlich mal ordentlich. Gestern Abend hatte ich es mir ja gespart, weil ich erstens noch nicht wirkich hungrig und zweitens zu müde war. Die Großfamilie der Hotelbesitzer speiste an einem langen Tisch mit allen Kindern, der Hund lag im Weg rum und erinnerte an das Tigerfell in „Dinner for One“, wobei hier der Bediente niemals über ihn stoplerte.

Fazit des Tages: Große Höhenunterschiede waren zu überwinden, einmal durch die Wolken gefahren schien die Sonne, Lüneburger Touristen und französische Radfahrer beglückte ich mit Fotos von ihnen. Die Straßen waren – immer noch mutmaßlich der Vorbereitungen zur Wintersaison – mit zahlreichen Baustellen, einspuriger ampelgeregelter Verkehrsführung (Circulation alternée) mit entsprechenden Wartezeiten und Staus gesegnet. Weil ich heute weniger Pässe als gestern angesteuert hatte und mehr als zehn Prozent in senkrechter Position fahren konnte war es – wiederum im Vergleich zu gestern – ein doch relativ entspannter Fahrtag. Ich drücke mir selbst die Daumen, dass das Wetter so bleibt. Regen hatte ich bis jetzt genug.

Bewegte Bilder: