Alcúdia - Llucmajor

Das Gewitter der Nacht war noch nicht ganz vorübergezogen, es regnete heute morgen noch leicht. Oha, dachte ich, schon wieder ein verregneter Tag? Und das auf Mallorca, wo ich doch eigentlich die Sonne und die Wärme verortet hatte? –Nun ja, warm war es, schwül geradezu, genau wie gestern, denn das Gewitter hatte zwar Regen und eine leichte Abkühlung gebracht, aber die Luft war weiterhin schwer und feucht.

Über Nacht hatte sich auch noch eine Anekdote entwickelt. Christian in Marseillan hatte ich im Verlaufe unseres Gesprächs erzählt, dass Aya eine Kindertagesstätte in Mainz-Finthen leitet. Woraufhin er meinte, seine Schwester sei dort über viele Jahre Leitung gewesen. Aya angetickert – und siehe da: Christians Schwester war tatsächlich Ayas Vorgängerin. Und um dem Zufall die Krone aufzusetzen trafen sich die beiden heute, um eine langjährige Mitarbeiterin in den Ruhestand zu verabschieden. Män, Män, Män!

Nachdem das Motorrad trockengerieben und gepackt war fuhr ich um kurz vor zehn Uhr los. Gen Norden ging es, wieder mal zu einem „Ende der Welt“-Punkt, dem Cap Formentor mit seinem Leuchtturm. Etwa eine Stunde Fahrzeit über schöne kurvige Straßen waren eingeplant, und die hielten auch, was der Plan versprach. Die Enttäuschung kam erst kurz vor dem Ziel, denn die zum Leuchtturm führende Straße war gesperrt, offenbar wegen des hohen touristischen Aufkommens. Ärgerlich, aber verständlich. Schließlich bin ich ja auch einer dieser viel zu vielen.

Also kehrt gemacht und die schöne Strecke wieder zurückgefahren, denn eine andere Straße als die, auf der ich hergekommen war, gibt es auf dieser Landzunge nicht. Immerhin gibt es auf dem Rückweg noch einen Aussichtspunkt, den Mirador Colomer, an dem ich kurz Station machte. Leider fand eine Gruppe wild durcheinander redender Radler aus den Niederlanden meinen Parkplatz so toll, dass sie sich um mich herum gruppierten und ich deren durchgeschwitzte Klamotten und schweißnasse Bäuche aus nächster Nähe bewundern konnte.

Die Abfahrt von hier oben hielt atemberaubende Ausblicke auf das Meer und die Bucht von El Bosquet bereit. Es herrschte zwar emsiges Treiben auf der Straße, Radfahrer in größeren und kleineren Gruppen strebten dem Gipfel entgegen, immer mehrere PKW hinter sich herziehend, aber das tat der Schönheit keinen Abbruch.

Nun ging es in die Tramuntana, den Gebirgszug auf der Westseite Mallorcas. Gut ausgebaute Straßen, relativ wenig Verkehr – da ließ es sich herrlich cruisen. Und immer wieder rechts und links der Straße Ausblicke auf die wunderbare Landschaft. Mittlerweile wechselten sich Sonne und Sprühregen ab, und in den Bergen wurde die Temperatur sogar ziemlich angenehm. Mein nächster Stopp war in dem Küstenstädtchen Sa Calobra geplant. Hierhin führte eine – wie sollte es anders sein – sehr kurvenreiche Straße, erst rauf, dann wieder runter. Am Ende aber die selbe Enttäuschung wie am Cap Formentor: Die Straße war nur für den lokalen Verkehr geöffnet. Keine Chance, bis an den Hafen zu kommen. So ein Mist! Bei einem Cafè con Lecche beruhigte ich meine Nerven und fuhr dann die gesamten 15 Kilometer bis zur Abzweigung von der Hauptstraße wieder zurück.

Dabei fiel mir auf, dass die Reserveanzeige nervös blinkte. Oha, hatte ich ja ganz vergessen. Für mindestens 30 Kilometer sollte es eigentlich reichen, aber in den Bergen braucht das Motorrad schon mal ein bisschen mehr Sprit. An der Hauptstraße wies ein Schild auf die nächste Tankstelle hin: neun Kilomter, allerdings in die Richtung, aus der ich gekommen war. Naja, hilft nix. Also wieder zurückgefahren, die Tankstelle auch gefunden und mit vollem Tank den Weg zum dritten Mal gefahren.

Richtung Sòller ging es weiter durch die schönen Berge mit ihren tollen Schluchten, bewaldeten Hängen und herrlichen Ausblicken. Selten geradeaus, meist in langgezogenen Kurven, an manchen Stellen auch in Serpentinen. Nicht so anstrengend wie die Alpenpässe, aber doch ein bisschen fordernd. Ursprünglich wollte ich ja den gesamten Gebirgszug bis in den Südwesten fahren, aber im Hinblick darauf, dass ich schon jetzt dreieinhalb Stunden gefahren war verwarf ich diesen Plan und kürzte durch das Inselinnere in Richtung Llucmajor ab. Auch ganz nett zu fahren, aber längst nicht so spektakulär. Hier kommt der doch eher raue Charakter der Insel deutlich zum Vorschein.

Über wenige Haupt- und viele Nebenstraßen kam ich dann endlich nach sechs Stunden Fahrt bei Sabine und Ulysses an. Nachdem ich mich in die Reihe geschafft und meine Sachen ausgepackt hatte machten er und ich einen kleinen Rundgang durch das niedliche Städtchen. Wären wir in Italien, könnten wir von einer Atmosphäre des Carpe diem sprechen, sind wir aber nicht. Schön ist es aber trotzdem, auch wenn die Zeugen einstigen Glanzes oft ziemlich traurig aussehen.

Vor dem, beim und nach dem Abendessen unterhielten wir uns sehr angeregt, bis dann dem Hausherrn fast die Augen zufielen und wir den Rest des Austausches auf die kommenden Tage verlegten. Mal sehen, ob ich auch dann noch tägliche Berichte schreibe. Ich denke, eher nicht.

Fazit des Tages: Das Wetter in Schottland war besser als das in Südeuropa bisher. Um die Tramuntana komplett zu fahren bräuchte ich wohl zwei Tage, aber lohnenswert wäre es schon. Deshalb gibt's auch viele Fahrvideos. Heute ist schon die zweite Woche meiner Reise abgelaufen und die dritte beginnt. Fühlt sich gar nicht so an, und dann doch wieder. Die Welt ist ein Dorf und Mainz ist der Vorort.

Bewegte Bilder:

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