Sarandë - Durrës
Nie mehr was mit Meeresfrüchten essen!
Zum zweiten Mal in meinem Leben habe ich Pasta mit Meeresfrüchten im Restaurant bestellt, diesmal Linguine, und zum zweiten Mal ist es mir nicht bekommen. Morgens gegen 3:00 Uhr wachte ich auf mit einem schweren und üblen Gefühl im Magen. Was dann kam, ist klar.
Außerdem hatte ich in den vergangenen Tagen bereits abends und nachts immer leichte Krämpfe im Bereich der Unterschenkel und der Füße. Bei meinen detaillierten Reisevorbereitungen hatte ich nämlich leider nicht bedacht, dass es nicht nur um Flüssigkeits-, sondern auch um Elektrolytverlust gehen könnte. Also nach einem leichten Frühstück im Hotel, zunächst mal die nächste Apotheke angesteuert und entsprechende Brausetabletten gekauft. Die waren zwar extrem teuer (zwölf Euro), was ich unter Lehrgeld verbuche, aber immerhin bekam ich eine Trinkflasche dazu geschenkt.
Den ersten halben Liter trank ich noch vor der Abfahrt gegen 10:30 Uhr. Ich fuhr wieder durch wunderschöne Landschaften und auf engen Straßen durchs Gebirge in Richtung Llogara-Pass. Den hatte ich mir eigens notiert, weil er als Tipp unter Motorradfahrern gehandelt wird. Zurecht.
Berat, die Stadt der tausend Fenster und UNESCO-Kulturerbe, musste dafür entfallen. Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit solchen Locations wäre das wahrscheinlich wieder wegen Massentourismus völlig für die Füße gewesen. Stattdessen lieber Gegend. Denn mehr als einmal war rechts die Steilwand und links das Meer zu sehen.
Mit 1043 m Höhe liegt Qafa e Llogarase vergleichsweise hoch. Es war angenehm frisch da oben und zudem blies ein kräftiger Wind. Der Blick zum Meer und sogar bis nach Korfu ist traumhaft.
Auf der Nordseite ging es mit den gleichen Werten zwischen zehn und 15% wie auf der Südseite beim Anstieg über engste Kehren hinab. Das war teilweise schon ziemlich haarig, weil nämlich dichter Verkehr herrschte und einige Schwerlast- und Tankwagen den Berg hinaufgekrochen kamen. Da kam es in manch einer Haarnadelkurve zum Stillstand mit Gehupe und Geschrei.
Irgendwann war aber auch das zu Ende und die Straße wurde schön breit und gut ausgebaut. Es rollte ordentlich. Der Verkehr entzerrte sich ebenfalls, so dass es ein wunderschönes Cruisen durch lang gezogene Kurven in Richtung Vlorë wurde.
Kurz vor der Stadt machte ich noch mal einen kleinen Stopp an einem der vielen Büdchen, die sich entlang der Landstraßen in Albanien etabliert haben. Bei einem Kaffee und einem Croissant und unterhielt ich mich ein wenig mit dem jungen Mann, der das Etablissement betreibt.
Er fragte mich natürlich, wo ich herkomme. Als er hörte, dass ich aus Deutschland komme, bat er mich direkt um einen Gefallen. Ob ich ihm denn Euromünzen in Scheine wechseln könne?Warum das denn? Ja, wissen Sie, die Euromünzen sind in Albanien wegen ihres geringen Wertes nicht sonderlich beliebt. Deshalb werde ich sie nicht wirklich los. Aber wenn Sie sie mir in Scheine tauschen würden? Gesagt getan. Viele hatte er nicht und ich auch keine kleinen Scheine, so dass es gerade einmal zu zehn Euro reichte. Immerhin. Der Knabe war zufrieden und ich habe ein Fleißkärtchen gesammelt.
Der Blick von da oben war mal wieder atemberaubend. Über die Stadt Vlorë hinweg, links, rechts und hinter mir die Berge, vor mir das Meer.
Weiter ging es über die SH4 in Richtung Durrës, meinem Ziel für den heutigen Tag. Das Gebirge zog sich immer weiter Richtung Osten zurück und machte Platz für eine weite Ebene, durch die die teilweise vierspurig ausgebaute Landstraße 70 km lang führte. Das war sehr entspannend zu fahren. Zu sehen gab es nicht wirklich viel. Etwa 10 km vor der Metropolregion Durrës/Tiranë begann der offensichtliche Bau neuer Satellitenstädte. Das war so ziemlich die einzige Abwechslung, wenn auch eine der hässlicheren Art.
Der Verkehr wurde in Stadtnähe natürlich immer dichter und ich näherte mich meinem Hotel in Schrittgeschwindigkeit, eskortiert von zwei Hells Angels aus Lindau am Bodensee auf ihren unerträglich lauten Kisten mit geöffnetem Klappenauspuff.
Wenn man in fremden Ländern motorisiert unterwegs ist, sollte man sich tunlichst den Fahrgewohnheiten der Einheimischen anpassen. Am besten sogar genau wie sie manövrieren. Das hat beispielsweise in Albanien den Vorteil, dass man in Kreisverkehre hinein und auch lebendig wieder heraus kommt. Ohne eine gehörige Portion Chuzpe ist da absolut nichts zu machen.
Mein Magen hat sich nach dem Intermezzo vergangener Nacht wieder beruhigt. Da werde ich nachher mal sehen, ob ich irgendwo etwas anständiges zu knabbern finde. Alles außer Meeresfrüchte wäre mir recht.
Zum Abendessen bestellte ich „Fried fish plate for one person“ im Restaurant „GARTEN“. Der fried fish entpuppte sich als cuttle fish (Tintenfisch aka Sepia), und der Oktopus und die Shrimps machten die Platte auch nicht fischiger. Von wegen „nie mehr sea-food“.
Zum Essen lief „Child in Time“ von Deep Purple und später noch „Smells like Teen Spirit“ von Nirvana. Ich hoffe, das wirkt sich positiv auf meine Verdauung aus. Die Wirkung solcher Placebos auf Headbanger soll man ja nicht unterschätzen. Die Laune hob die Musik jedenfalls.
Armut und zur Schau gestellter vermeintlicher Reichtum liegen in Albanien so dicht beieinander. Auf der einen Seite ausgezehrte Gestalten, die im Müll nach etwas Verwert- oder Verkaufbarem wühlen. Auf der anderen Seite Fahrzeuge zumeist deutschen Fabrikats mit AMG-, M- oder Audi Sport-Emblemen, die durchaus Rückschlüsse auf die intellektuellen Besonderheiten ihrer Eigner nahelegen. Und so fahren sie in der Regel auch.
Aber wo in Europa - oder vielleicht in der Welt - haben wir das nicht?! Schlimm ist es auf jeden Fall. Und traurig.